The Garden Shuttle
04.06.2007 (Prolog)
Im Frühjahr 2007 war ich in Kambodscha gewesen und habe dort unter anderem in Ts Schule Englisch unterrichtet. Die Schule mußte mittlerweile wegen mangelnder Rentabilität geschlossen werden. Nun ist T dabei, einen Lebensmittelhandel aufzubauen und ich bemühe mich, ihn so gut es geht zu unterstützen. In den letzten Monaten habe ich daher versucht, ihm den Gedanken kaufmännischer Rationalität zu vermitteln, habe ihm Geld geliehen, um sich ein Motorrad und einen Tuktuk-Anhänger zu kaufen, seine drei Kinder gehen mittlerweile regelmäßig zur Schule (auch die beiden Töchter, was in Kambodscha keinesfalls selbstverständlich ist), eine Name für das Unternehmen wurde gefunden („The Garden Shuttle“) und jetzt bin ich dabei, das Firmenlogo zu entwerfen und die Homepage zu gestalten.
Da das ganze Unterfangen mittlerweile eine beeindruckende Eigendynamik zu gewinnen scheint, möchte ich mal versuchen, per Log Schritt zu halten und ein wenig zu berichten. Und ich will doch mal sehen, was sich daraus entwickelt. Erstens wünsche ich T und seiner Familie natürlich den Erfolg, zweitens ist es auch für mich eine interessante Erfahrung unternehmerisch tätig zu sein, insbesondere in einem Land, das nach hiesiger Definition zur „Dritten Welt“ zählt.
31.07.2007
Logo, Vistienkarte und Homepage sind weitgehend fertig. T ist fleißig am aquirieren, d.h., er schreibt Emails an Restaurants, die als Kunden in Frage kommen, macht Termine, erläutert das Angebot etc. GT aus Singapur hat die Email-Anschreiben zwischenzeitlich überarbeitet, so daß diese sich nun auch recht ansprechend lesen.
Nun tauchen auch immer mehr Fragen auf, die mit Organisation und Buchführung zu tun haben. Ich habe mal in meinen früheren BWL-Kenntnissen herumgekramt und eine kleine Systematik entworfen, die einen Überblick über anstehende und zukünftige Aufgabe gibt. Daraus hat sich dann eine kleine Tabelle ergeben, mal sehen ob sie hilfreich ist.
Früher an der Uni hat man diese Dinge rezipiert und sich durch das trockene Gerede oft genervt gefühlt. Aber jetzt ist es sehr erfreulich, ein paar Ideen parat zu haben, die einem dabei helfen können, konkrete Probleme zu lösen.
Ferner bin ich derzeit noch dabei, meinen Laptop auf englisch umzurüsten und zusätzliche Office-Software daraufzuspielen. In einigen Wochen werde ich ihn nach Kambodscha mitnehmen. Es gibt dort sicherlich viel zu Planen und zu Besprechen für die nächsten Geschäftsetappen.
04.09.2007
Die Vorbereitungen sind jetzt weitgehend beendet. Am Montag, den 10.09. fahre ich zusammen mit B nach Bangkok, dann am nächsten Tag weiter nach Siem Reap. Dort werden wir für mindestens eine Woche bleiben und anschließend nochmal ca. drei Wochen in Kambodscha und Thailand herumreisen. Die Rückkehr erfolgt dann am 08.10.
T scheint in letzter Zeit beim Aufbau von Kundenbeziehungen recht erfolgreich gewesen zu sein. Und während vor einigen Wochen noch ich derjenige war, der darauf drängte, die Geschäftsprozesse gut zu planen und zu strukturieren, so ist es nun T, dessen "Hilferufe" nach Koordination lauter werden. Erstmal ein gutes Zeichen, aber es gibt offenbar nun wirklich viel zu tun.
18.09.2007 (Siem Reap)
Endlich findet sich Zeit und Ruhe für einige Zeilen. Ich habe selten eine Reise so sorgfältig vorbereitet wie diese, gleichzeitig ist auch noch nie so viel daneben gegangen wie in der letzten Woche. Aber ich will nicht lamentieren.
Nachdem wir in Siem Reap angekommen waren, habe ich mich natürlich auch bald mit T in Verbindung gesetzt, u.a. um den aktuellen Stand des Garden Shuttle zu erfragen. T hat sich wirklich viel Mühe gegeben, die Einnahmen zu dokumentieren und ich muß sagen, daß mich diese durchaus positiv überrascht haben. Auch der ansteigende Trend konnte erfreuen. Bezüglich der Ausgaben lag allerdings kein einziger Beleg vor, so daß leider immer noch völlig unklar ist, ob der Garden Shuttle derzeit im schwarzen oder roten Bereich arbeitet. Ich befürchte letzteres. Allerdings haben wir in den letzten Tage ziemlich intensiv daran gearbeitet, eine Tabellenkalkulation zu erstellen und zu besprechen, was wo einzutragen ist. Außerdem habe ich T meinen alten Laptop übergeben und wir haben die wichtigsten Prozeduren eingeübt. Die zentralen nächsten Schritte sind somit besprochen und eingeübt, und ich hoffe, daß auch alles klappt. Morgen fahren B und ich nämlich nach Phnom Penh weiter.
07.11.2007
Die Prozeduren, die wir eingeübt haben, klappen wirklich prima. T ist mittlerweile im Umgang mit dem Laptop recht geschickt und mithilfe des USB-Sticks, auf dem sich auch einige Programme befinden, verschickt er reichlich Emails. Da er die Mails nun auf seinem Laptop schreibt und auf dem Stick speichert, kann er in Internetshops aufgrund der geringen hierfür benötigten Zeit nahezu kostenlos Emails senden und empfangen.
So erreichen mich nun auch regelmäßig einmal die Woche die aktuellen Buchhaltungsdaten. Allerdings lassen diese keine Euphorie aufkommen. Der Garden Shuttle arbeitet zwar gerade im schwarzen Bereich, aber da ist T's Gehalt noch nicht eingerechnet. Legt man hierfür jedoch einen (plausiblen) Betrag von 80 Dollar pro Woche zugrunde (T und Ehefrau A), so springt der Saldo ins Dunkelrote.
Demnächst startet die Saison in Siem Reap und dann könnte sich die Situation etwas verbessern. Aber man ist in der Branche nicht allzu optimistisch. Immer mehr Gäste kommen als Pauschaltouristen und essen in ihren gebuchten Hotels. Die lokale Gastronomie wird dabei zunehmend in die Außenseiterolle gedrängt.
Ein anderes Problem in diesem engen Kampf um Ressourcen ist das Thema "Schmiergeld". Wer als Küchenchef in einem Restaurant arbeitet, der entscheidet, wo was gekauft wird. Für diese Entscheidung will er natürlich eine Entlohnung sehen, sonst entscheidet er sich eben anders. Den Besitzern der Restaurants - oftmals Ausländern - ist dies meist gar nicht bewußt. Sie sprechen kein Khmer und verstehen oft gar nicht richtig, was ihre Angestellten tun. Und T kann ihnen schlecht sagen, was er in der Küche so erlebt. Er würde Gefahr laufen, erstens gegenüber dem Management als unglaubwürdig zu gelten und sich zweitens seinen Ruf unter den Küchenchefs zu verderben.
Man darf abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Die nächsten Wochen werden sicherlich entscheidend sein.
31.01.2008
Die Dinge haben sich recht interessant entwickelt:
Der Gemüsehandel ist mittlerweile praktisch zum Erliegen gekommen. Unter den gegebenen Umständen war es schwierig, wirtschaftlich sinnvoll zu agieren und es ist völlig offen, wie sich die Dinge hier weiterentwickeln.
Dafür hat T nun einen Kontakt zu Vietnamesen aufgetan, die ein Waschmittel, das im Gaststättengewerbe wohl oft benötigt wird, zu einem sehr günstigen Preis anbieten. Das Mittel wird aus Rohmaterialien selbst hergestellt und die Gewinnspanne könnte ein ausreichendes Einkommen bieten. Mal sehen, vielleicht wird ja aus dem "Garden Shuttle" noch so etwas wie der kambodschanische "Weiße Riese". Zwischenzeitlich bietet er immerhin als Tuktuk zur Personenbeförderung eine Einnahmequelle.
Aber es gibt noch eine weitere gute Neuigkeit: T hatte bis zum Frühjahr 2007 mit einer Behindertengruppe gearbeitet und Auftritte in Restaurants und Hotels organisiert und geleitet. Im Spätjahr 2007 hat er dann begonnen, diese Aktivitäten zu reaktivieren (Photo), um weitere Kontakte zur lokalen Hotelszene aufzubauen aber auch als alternative Beschäftigung und potentielle Einnahmequelle durch Spenden.
Diese Auftritte wurden bislang sehr gut aufgenommen und auch von größeren Hotels unterstützt. Kürzlich erfolgte gar im Raffles eine Vorstellung vor der Königin von Bhutan. Außerdem plant derzeit offenbar ein Produzent und Regisseur aus Los Angeles eine Dokumentation über Behinderte in Kamdodscha und interessiert sich ebenfalls sehr für die Gruppe. Man darf also weiterhin gespannt sein.
19.04.2008
Jetzt ist wieder etwas neues geschehen. Vor ungefähr 5 Wochen hat mich T gefragt, ob ich eine Erklärung dafür hätte, warum die Reispreise im Kambodscha in kurzer Zeit so dramatisch gestiegen sind. Es sagte, es sei aktuell sehr schwierig für ihn, Lebensmittel für die Mitglieder der Behindertengruppe zu besorgen. Ich habe damals angefangen zu recherchieren, und nun steht seit ca. einer Woche das Thema "globale Lebensmittelknappheit" plötzlich ganz oben auf der Rangliste unserer Nachrichtenberichterstattung.
Am 2. Mai werde ich nun wieder für knapp 4 Wochen nach Kambodscha fahren, zuerst nach Phnom Penh und anschließend nach Siem Reap. Es ist mir nicht richtig klar, wie das geschehen kann, aber ich würde gerne mit dazu beitragen, die landesinterne Produktion von Lebensmitteln anzuregen. Abgesehen davon gibt es natürlich auch sonst einiges zu besprechen, insbesondere "Aspekte der Rentabilität bei der Waschmittelproduktion". Hier scheinen sich Probleme des "Garden Shuttle" zu wiederholen, allerdings mit dem Unterschied, daß diesmal anhand einer doch recht ordentlich funktionierenden Buchhaltung schneller und gezielter reagiert werden kann.
Außerdem werde ich mich in Sachen "Kulturbotschafter" bemühen. T möchte ein neues Programm für die Behindertengruppe erstellen, und dabei würde er auch gerne deutsche bzw. westliche Musik einbeziehen. Sinnvollerweise kann dabei natürlich nur klassiche Musik infrage kommen und so bin ich seit 2 Wochen dabei, Stücke von Beethoven, Schubert, Bach etc. in stark komprimierter Form nach Kambodscha zu mailen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie man westliche Musik in eine kambodschanische Tanzerzählung einbauen kann, aber ich freue mich, ein wenig Werbung für eine unserer wichtigsten kulturellen Errungenschaften betreiben zu können.
19.05.2008 (Siem Reap)
Irgendwie hat jede Reise ihren eigenen Charakter. Diese verläuft ruhig und recht problemlos. Die erste Woche habe ich mich in Phnom Penh aufgehalten und seit gut einer Woche bin ich nun in Siem Reap. Es ist schon langsam wie mein zweites Zuhause hier.
Habe mich in letzter Zeit auch ein wenig mit kambodschanischer Geschichte beschäftigt, dabei natürlich auch mit der Zeit der Roten Khmer. Heute Mittag habe ich dann mit T darüber gesprochen und er hat mir aus seinen diesbezüglichen Erlebnissen berichtet. Er war etwa fünf Jahre alt, als seine Eltern durch eine Indiskretion erfuhren, daß sie auf der Todesliste standen und ihre Exekution damit beschlossene Sache war. Kurz darauf flohen sie eines nachts in das kleine Dorf, aus dem der Vater stammte, in der Nähe der vietnamesischen Grenze. Mit einem von einem Wasserbüffel gezogenen Karren und ohne nennenswerte Verpflegung ging der Weg vorbei an aufgedunsenen und verwesenden Leichen bis sie nach einige Tagen ihr Ziel erreichten und ihnen Unterschlupf gewährt wurde. Niemand fand dort heraus, daß sie eigentlich gesucht wurden und so blieb ihr Leben verschont. Gegen Ende des Krieges beobachtete T einen Trupp der Roten Khmer, der in unmittelbarer Nähe des Dorfes zusammmensaß und beratschlagte. Die herannahenden Vietnamesen schossen eine Granate mitten in die Versammlung und lösten sie dadurch im schrecklichsten Sinne des Wortes auf. Zu der Zeit hatte ich gerade meinen Führerschein gemacht und fuhr in meinem, von den Eltern gesponserten, ersten Auto durch die Gegend. In den Nachrichten war manchmal von irgendwelchen Roten Khmer die Rede, aber richtig verstanden, worum es dabei ging, habe ich damals nicht.
Später am Nachmittag war ich dann bei einer Probe der Schauspieltruppe dabei. T hat ihnen in dem Gebäudekomplex, in dem er selbst wohnt, eine Wohnung angemietet. Sie bereiteten mir einen sehr herzlichen Empfang und wir haben viel gelacht. Außerdem war es schön, die Truppe ein wenig aus der Nähe zu erleben. Der Junge in der Mitte beispielsweise mit den grünen Hosen und dem schwarzen Hemd hat eine wunderschöne Stimme und strahlt beim Spielen eine bemerkenswerte Anmut aus. Der Schwarm aller Mädchen möchte man meinen. Er ist vor zwei Jahren, als er mit seinen Eltern auf dem Feld arbeitete, auf eine Mine getreten.
Dann haben wir noch die Arbeit an Ts Buchhaltung fortgesetzt. Vor einigen Tagen diagnostizierte ich gewisse Defizite in der Art und Weise, wie T mit dem Geld umging, das er von Hotels für die Truppe erhielt und wiederum für die Truppe aufzuwenden hatte. Die genauere Form der Defizite veranlasste mich dazu, T zunächst eine Stahlkassette zu kaufen und ihm dann eindringlich zu erklären: "Da muss das Geld erstmal hinein!" Wir bastelten noch ein Formular, auf dem Ein- und Ausgänge vermerkt werden können, um einen gewissen Überblick über Geldflüsse zu erhalten. Ich bin sicher, bereits damit in Kambodscha eine finanztechnische Revolution von enormer Tragweite in Gang gesetzt zu haben, aber mein aufklärerischer Geist ließ mich nicht ruhen. Zusätzlich erläuterte ich T elementare Prinzipien der Rücklagenbildung: "Wenn man etwas Geld zurücklegt, solange man genug hat, dann kann man in der Not davon Gebrauch machen". Diese Erkenntnis, die bis dato hierzulande vermutlich völlig im Verborgenen geblieben war, brachte sogar Ts Frau A zum Strahlen. Ich bin sicher, gemeinsam werden wir noch Großes vollbringen.
23.05.2008 (Siem Reap)
Auch mit einigen Hilfsorganisationen hier und in Phnom Penh hat es Kontakte gegeben und einer davon erscheint mir recht vielversprechend:
K von der GTZ machte den Vorschlag, den Garden Shuttle ein wenig zu modifizieren und private Haushalte täglich mit frischem Gemüse von lokalen Produzenten zu versorgen ("Der tägliche Gemüsekorb frisch vom Feld nach Hause geliefert"). Auf Konsumentenseite macht dies Sinn, da mit einer lokalen, biologisch sauberen Produktion (und der Lieferung ins Haus) geworben werden kann. Offenbar sind hier immer mehr Verbraucher um die Qualität ihrer Produkte besorgt und Einfuhren aus Thailand oder Vietnam waren in der Vergangenheit wohl auch häufiger mit Pestiziden oder Ähnlichem belastet. Auf Produzentenseite werden dadurch die Bauern vor Ort gestärkt, die nicht nur eine Erweiterung ihres Absatzmarktes erfahren, sondern durch die vorherige Vereinbarung festgelegter Absatzmengen auch erheblich an Planungssicherheit gewinnen.
Mir gefällt diese Idee sehr, da hier an verschiedenen durchaus nützlichen Schrauben gedreht werden kann. Auch der ökologische bzw. biologische Gedanke erscheint mir hier in Kambodscha mehr als eine blose Marketingidee zu sein. Mit relativ einfachen Mitteln kann man die Situation vor Ort deutlich verbessern, z.B. durch einen sachgerechten Einsatz von Pestiziden oder Düngern (und nicht nur einfach überall das Zeug draufhalten bis die Kanne leer ist) oder durch die strategische Entsorgung etwa von Bratfetten zur Wiederverwertung als Treibstoff. Die Menschen hier sind sich offenbar zunehmend dieser Verantwortung bewußt und ich weiß von internationalen Hotels, die gerne mehr in dieser Hinsicht unternehmen würden (natürlich auch um damit zu werben, aber das ist ja legitim). Heute Mittag werden wir diesbezüglich noch ein paar Marketinggedanken besprechen und dann kann ich nur hoffen, daß die Sache sich entwickelt.
Gestern habe ich mich noch mit P, dem hiesigen Leiter des Projekts zur "Häuslichen Gewalt" getroffen, in dem ich vor einem Jahr mitgearbeitet habe. Auch da scheinen die Dinge weiterhin gut zu laufen. Besonders bemerkenswert scheint mir eine Entwicklung zu sein, die eine lokale Spezialität betrifft. Zu Beginn des Projekts war es so, daß Personen mit einem offiziellen Status (z.B. Orts- oder Provinzvorsteher) für ihre Partizipation bezahlt werden mußten. Das klingt erstmal etwas unverständlich, da man ja für die Leute vor Ort etwas tun möchte und dafür einen Teil derjenigen, die dies betrifft, sogar noch bezahlen muß. Aber so ist das hier, man bezahlt sogar die Polizei, wenn man sie z.B. bei einem Verkehrsunfall ruft. Mittlerweile scheinen sich aber einige Dorfverantwortliche auch freiwillig zu engagieren, da sie sehen, daß das Projekt für die Gemeinschaft einen Nutzen erbringt. Keine Revolution, aber immerhin...
P hat mir auch ein wenig aus seinem privaten Leid berichtet: Er ist am überlegen, wie es mit seiner Exfreundin weitergehen soll. Einerseits hat er sie wohl noch ganz gern, andererseits fragt sie ihn laufend, mit wieviel er sie monatlich unterstützen kann, wenn sie mit ihm zusammenzieht. Ein anderer Mann, den sie kennengelernt hat, kann ihr monatlich 1000 Dollar geben, und da will sie von P doch zumindest auch einen substanziellen Betrag sehen. Ich habe ihm gesagt, daß ich in Europa keinen Mann kenne, der sich darauf einlassen würde, in so offensichtlichem Austausch gegen Geld eine Beziehung einzugehen, was ihn sichtlich etwas überrascht hat (und er ist eigentlich ein recht cooler Bursche). Aber es ist natürlich schwer zu sagen: Sind Frauen hier skrupelloser oder einfach nur offener bezüglich der Äußerung ihrer Absichten?
Wie auch immer, es wird wohl keine Zeit bleiben, dies herauszufinden, da ich mich langsam wieder auf die Abreise vorbereite. Übermorgen geht es nach Saigon und dann auch schon wieder zurück nach Deutschland.
27.05.2008 (Saigon)
Im Vergleich zu Phnom Penh ist Saigon ungleich geschäftiger und auch wirtschaftlich wesentlich weiter entwickelt. Auf den Straßen herrscht noch regeres Treiben und die Leute versuchen einen ständig in ein Gespräch zu verwickeln und irgendetwas zu verkaufen. Das war am ersten Tag etwas nervig, da man ja, insbesondere wenn man zum ersten mal in einem fremden Land unterwegs ist, sich etwas Freundlichkeit wünscht. Aber man gewöhnt sich schnell daran und irgendwann ist es auch wieder recht erfrischend, mit Gott und der Welt Späße zu machen.
Trotz der universellen Geschäftigkeit gibt es auch immer wieder Verblüffendes: Gestern war ich in einer größeren Bank zum Geldwechseln, und als ich am völlig ungesicherten Schalter stand, sah ich auf einer Ablage weniger als einen Meter vor mir schön gebündelt ungelogen eine Viertel Million US Dollar liegen. Ich hätte mich nur ein wenig vorbeugen und den Arm austrecken müssen... Ungefähr einen Meter dahinter waren auf einer Palette ca. ein Drittel Kubikmeter Vietnamesiche Dong, also nochmals mindestens die gleiche Summe, gestapelt. Ich fragte den Schalterbeamten, ob er denn keine Angst vor einem Banküberfall hatte, worauf er lächelnd "nein" antwortete. Sicherheitshalber fragte ich ihn dann, ob er denn wisse, was ein "Banküberfall" sei? Strahlend verkündete er, ja, ja, das habe er in Filmen schon gesehen.
Morgen abend geht es wieder nach Deutschland zurück, und in den nächsten Wochen werde ich u.a. ein wenig über Ökotechnologien recherchieren. Kurz vor meiner Abreise fiel mir auf, dass T (wie vermutlich viele Kambodschaner) jährlich ca. 120 Dollar für Holz ausgibt, um Wasser abzukochen und um Essen zuzubereiten. In einem Land, in dem es ja nun wirklich viel Sonne gibt, müßte es doch möglich sein, mit Sonnenenergie deutlich günstiger (und natürlich auch intelligenter) zu fahren. Neben dem fehlenden Wissen über derartige Technologien dürfte ein Handikap auch die relativ hohe (aber vermutlich tragbare) Anfangsinvestition sein, die sich bekanntlich erst nach einiger Zeit amortisiert. Solche im Prinzip einfachen Langzeitberechnungen stellen viele Kambodschaner jedoch gar nicht erst an.
Im Frühjahr 2007 war ich in Kambodscha gewesen und habe dort unter anderem in Ts Schule Englisch unterrichtet. Die Schule mußte mittlerweile wegen mangelnder Rentabilität geschlossen werden. Nun ist T dabei, einen Lebensmittelhandel aufzubauen und ich bemühe mich, ihn so gut es geht zu unterstützen. In den letzten Monaten habe ich daher versucht, ihm den Gedanken kaufmännischer Rationalität zu vermitteln, habe ihm Geld geliehen, um sich ein Motorrad und einen Tuktuk-Anhänger zu kaufen, seine drei Kinder gehen mittlerweile regelmäßig zur Schule (auch die beiden Töchter, was in Kambodscha keinesfalls selbstverständlich ist), eine Name für das Unternehmen wurde gefunden („The Garden Shuttle“) und jetzt bin ich dabei, das Firmenlogo zu entwerfen und die Homepage zu gestalten.
Da das ganze Unterfangen mittlerweile eine beeindruckende Eigendynamik zu gewinnen scheint, möchte ich mal versuchen, per Log Schritt zu halten und ein wenig zu berichten. Und ich will doch mal sehen, was sich daraus entwickelt. Erstens wünsche ich T und seiner Familie natürlich den Erfolg, zweitens ist es auch für mich eine interessante Erfahrung unternehmerisch tätig zu sein, insbesondere in einem Land, das nach hiesiger Definition zur „Dritten Welt“ zählt.
31.07.2007
Logo, Vistienkarte und Homepage sind weitgehend fertig. T ist fleißig am aquirieren, d.h., er schreibt Emails an Restaurants, die als Kunden in Frage kommen, macht Termine, erläutert das Angebot etc. GT aus Singapur hat die Email-Anschreiben zwischenzeitlich überarbeitet, so daß diese sich nun auch recht ansprechend lesen.
Nun tauchen auch immer mehr Fragen auf, die mit Organisation und Buchführung zu tun haben. Ich habe mal in meinen früheren BWL-Kenntnissen herumgekramt und eine kleine Systematik entworfen, die einen Überblick über anstehende und zukünftige Aufgabe gibt. Daraus hat sich dann eine kleine Tabelle ergeben, mal sehen ob sie hilfreich ist.Früher an der Uni hat man diese Dinge rezipiert und sich durch das trockene Gerede oft genervt gefühlt. Aber jetzt ist es sehr erfreulich, ein paar Ideen parat zu haben, die einem dabei helfen können, konkrete Probleme zu lösen.
Ferner bin ich derzeit noch dabei, meinen Laptop auf englisch umzurüsten und zusätzliche Office-Software daraufzuspielen. In einigen Wochen werde ich ihn nach Kambodscha mitnehmen. Es gibt dort sicherlich viel zu Planen und zu Besprechen für die nächsten Geschäftsetappen.
04.09.2007
Die Vorbereitungen sind jetzt weitgehend beendet. Am Montag, den 10.09. fahre ich zusammen mit B nach Bangkok, dann am nächsten Tag weiter nach Siem Reap. Dort werden wir für mindestens eine Woche bleiben und anschließend nochmal ca. drei Wochen in Kambodscha und Thailand herumreisen. Die Rückkehr erfolgt dann am 08.10.
T scheint in letzter Zeit beim Aufbau von Kundenbeziehungen recht erfolgreich gewesen zu sein. Und während vor einigen Wochen noch ich derjenige war, der darauf drängte, die Geschäftsprozesse gut zu planen und zu strukturieren, so ist es nun T, dessen "Hilferufe" nach Koordination lauter werden. Erstmal ein gutes Zeichen, aber es gibt offenbar nun wirklich viel zu tun.
18.09.2007 (Siem Reap)
Endlich findet sich Zeit und Ruhe für einige Zeilen. Ich habe selten eine Reise so sorgfältig vorbereitet wie diese, gleichzeitig ist auch noch nie so viel daneben gegangen wie in der letzten Woche. Aber ich will nicht lamentieren.
Nachdem wir in Siem Reap angekommen waren, habe ich mich natürlich auch bald mit T in Verbindung gesetzt, u.a. um den aktuellen Stand des Garden Shuttle zu erfragen. T hat sich wirklich viel Mühe gegeben, die Einnahmen zu dokumentieren und ich muß sagen, daß mich diese durchaus positiv überrascht haben. Auch der ansteigende Trend konnte erfreuen. Bezüglich der Ausgaben lag allerdings kein einziger Beleg vor, so daß leider immer noch völlig unklar ist, ob der Garden Shuttle derzeit im schwarzen oder roten Bereich arbeitet. Ich befürchte letzteres. Allerdings haben wir in den letzten Tage ziemlich intensiv daran gearbeitet, eine Tabellenkalkulation zu erstellen und zu besprechen, was wo einzutragen ist. Außerdem habe ich T meinen alten Laptop übergeben und wir haben die wichtigsten Prozeduren eingeübt. Die zentralen nächsten Schritte sind somit besprochen und eingeübt, und ich hoffe, daß auch alles klappt. Morgen fahren B und ich nämlich nach Phnom Penh weiter.
07.11.2007
Die Prozeduren, die wir eingeübt haben, klappen wirklich prima. T ist mittlerweile im Umgang mit dem Laptop recht geschickt und mithilfe des USB-Sticks, auf dem sich auch einige Programme befinden, verschickt er reichlich Emails. Da er die Mails nun auf seinem Laptop schreibt und auf dem Stick speichert, kann er in Internetshops aufgrund der geringen hierfür benötigten Zeit nahezu kostenlos Emails senden und empfangen.
So erreichen mich nun auch regelmäßig einmal die Woche die aktuellen Buchhaltungsdaten. Allerdings lassen diese keine Euphorie aufkommen. Der Garden Shuttle arbeitet zwar gerade im schwarzen Bereich, aber da ist T's Gehalt noch nicht eingerechnet. Legt man hierfür jedoch einen (plausiblen) Betrag von 80 Dollar pro Woche zugrunde (T und Ehefrau A), so springt der Saldo ins Dunkelrote.
Demnächst startet die Saison in Siem Reap und dann könnte sich die Situation etwas verbessern. Aber man ist in der Branche nicht allzu optimistisch. Immer mehr Gäste kommen als Pauschaltouristen und essen in ihren gebuchten Hotels. Die lokale Gastronomie wird dabei zunehmend in die Außenseiterolle gedrängt.
Ein anderes Problem in diesem engen Kampf um Ressourcen ist das Thema "Schmiergeld". Wer als Küchenchef in einem Restaurant arbeitet, der entscheidet, wo was gekauft wird. Für diese Entscheidung will er natürlich eine Entlohnung sehen, sonst entscheidet er sich eben anders. Den Besitzern der Restaurants - oftmals Ausländern - ist dies meist gar nicht bewußt. Sie sprechen kein Khmer und verstehen oft gar nicht richtig, was ihre Angestellten tun. Und T kann ihnen schlecht sagen, was er in der Küche so erlebt. Er würde Gefahr laufen, erstens gegenüber dem Management als unglaubwürdig zu gelten und sich zweitens seinen Ruf unter den Küchenchefs zu verderben.
Man darf abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Die nächsten Wochen werden sicherlich entscheidend sein.
31.01.2008
Die Dinge haben sich recht interessant entwickelt:
Der Gemüsehandel ist mittlerweile praktisch zum Erliegen gekommen. Unter den gegebenen Umständen war es schwierig, wirtschaftlich sinnvoll zu agieren und es ist völlig offen, wie sich die Dinge hier weiterentwickeln.
Dafür hat T nun einen Kontakt zu Vietnamesen aufgetan, die ein Waschmittel, das im Gaststättengewerbe wohl oft benötigt wird, zu einem sehr günstigen Preis anbieten. Das Mittel wird aus Rohmaterialien selbst hergestellt und die Gewinnspanne könnte ein ausreichendes Einkommen bieten. Mal sehen, vielleicht wird ja aus dem "Garden Shuttle" noch so etwas wie der kambodschanische "Weiße Riese". Zwischenzeitlich bietet er immerhin als Tuktuk zur Personenbeförderung eine Einnahmequelle.
Aber es gibt noch eine weitere gute Neuigkeit: T hatte bis zum Frühjahr 2007 mit einer Behindertengruppe gearbeitet und Auftritte in Restaurants und Hotels organisiert und geleitet. Im Spätjahr 2007 hat er dann begonnen, diese Aktivitäten zu reaktivieren (Photo), um weitere Kontakte zur lokalen Hotelszene aufzubauen aber auch als alternative Beschäftigung und potentielle Einnahmequelle durch Spenden.Diese Auftritte wurden bislang sehr gut aufgenommen und auch von größeren Hotels unterstützt. Kürzlich erfolgte gar im Raffles eine Vorstellung vor der Königin von Bhutan. Außerdem plant derzeit offenbar ein Produzent und Regisseur aus Los Angeles eine Dokumentation über Behinderte in Kamdodscha und interessiert sich ebenfalls sehr für die Gruppe. Man darf also weiterhin gespannt sein.
19.04.2008
Jetzt ist wieder etwas neues geschehen. Vor ungefähr 5 Wochen hat mich T gefragt, ob ich eine Erklärung dafür hätte, warum die Reispreise im Kambodscha in kurzer Zeit so dramatisch gestiegen sind. Es sagte, es sei aktuell sehr schwierig für ihn, Lebensmittel für die Mitglieder der Behindertengruppe zu besorgen. Ich habe damals angefangen zu recherchieren, und nun steht seit ca. einer Woche das Thema "globale Lebensmittelknappheit" plötzlich ganz oben auf der Rangliste unserer Nachrichtenberichterstattung.
Am 2. Mai werde ich nun wieder für knapp 4 Wochen nach Kambodscha fahren, zuerst nach Phnom Penh und anschließend nach Siem Reap. Es ist mir nicht richtig klar, wie das geschehen kann, aber ich würde gerne mit dazu beitragen, die landesinterne Produktion von Lebensmitteln anzuregen. Abgesehen davon gibt es natürlich auch sonst einiges zu besprechen, insbesondere "Aspekte der Rentabilität bei der Waschmittelproduktion". Hier scheinen sich Probleme des "Garden Shuttle" zu wiederholen, allerdings mit dem Unterschied, daß diesmal anhand einer doch recht ordentlich funktionierenden Buchhaltung schneller und gezielter reagiert werden kann.
Außerdem werde ich mich in Sachen "Kulturbotschafter" bemühen. T möchte ein neues Programm für die Behindertengruppe erstellen, und dabei würde er auch gerne deutsche bzw. westliche Musik einbeziehen. Sinnvollerweise kann dabei natürlich nur klassiche Musik infrage kommen und so bin ich seit 2 Wochen dabei, Stücke von Beethoven, Schubert, Bach etc. in stark komprimierter Form nach Kambodscha zu mailen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie man westliche Musik in eine kambodschanische Tanzerzählung einbauen kann, aber ich freue mich, ein wenig Werbung für eine unserer wichtigsten kulturellen Errungenschaften betreiben zu können.
19.05.2008 (Siem Reap)
Irgendwie hat jede Reise ihren eigenen Charakter. Diese verläuft ruhig und recht problemlos. Die erste Woche habe ich mich in Phnom Penh aufgehalten und seit gut einer Woche bin ich nun in Siem Reap. Es ist schon langsam wie mein zweites Zuhause hier.
Habe mich in letzter Zeit auch ein wenig mit kambodschanischer Geschichte beschäftigt, dabei natürlich auch mit der Zeit der Roten Khmer. Heute Mittag habe ich dann mit T darüber gesprochen und er hat mir aus seinen diesbezüglichen Erlebnissen berichtet. Er war etwa fünf Jahre alt, als seine Eltern durch eine Indiskretion erfuhren, daß sie auf der Todesliste standen und ihre Exekution damit beschlossene Sache war. Kurz darauf flohen sie eines nachts in das kleine Dorf, aus dem der Vater stammte, in der Nähe der vietnamesischen Grenze. Mit einem von einem Wasserbüffel gezogenen Karren und ohne nennenswerte Verpflegung ging der Weg vorbei an aufgedunsenen und verwesenden Leichen bis sie nach einige Tagen ihr Ziel erreichten und ihnen Unterschlupf gewährt wurde. Niemand fand dort heraus, daß sie eigentlich gesucht wurden und so blieb ihr Leben verschont. Gegen Ende des Krieges beobachtete T einen Trupp der Roten Khmer, der in unmittelbarer Nähe des Dorfes zusammmensaß und beratschlagte. Die herannahenden Vietnamesen schossen eine Granate mitten in die Versammlung und lösten sie dadurch im schrecklichsten Sinne des Wortes auf. Zu der Zeit hatte ich gerade meinen Führerschein gemacht und fuhr in meinem, von den Eltern gesponserten, ersten Auto durch die Gegend. In den Nachrichten war manchmal von irgendwelchen Roten Khmer die Rede, aber richtig verstanden, worum es dabei ging, habe ich damals nicht.
Dann haben wir noch die Arbeit an Ts Buchhaltung fortgesetzt. Vor einigen Tagen diagnostizierte ich gewisse Defizite in der Art und Weise, wie T mit dem Geld umging, das er von Hotels für die Truppe erhielt und wiederum für die Truppe aufzuwenden hatte. Die genauere Form der Defizite veranlasste mich dazu, T zunächst eine Stahlkassette zu kaufen und ihm dann eindringlich zu erklären: "Da muss das Geld erstmal hinein!" Wir bastelten noch ein Formular, auf dem Ein- und Ausgänge vermerkt werden können, um einen gewissen Überblick über Geldflüsse zu erhalten. Ich bin sicher, bereits damit in Kambodscha eine finanztechnische Revolution von enormer Tragweite in Gang gesetzt zu haben, aber mein aufklärerischer Geist ließ mich nicht ruhen. Zusätzlich erläuterte ich T elementare Prinzipien der Rücklagenbildung: "Wenn man etwas Geld zurücklegt, solange man genug hat, dann kann man in der Not davon Gebrauch machen". Diese Erkenntnis, die bis dato hierzulande vermutlich völlig im Verborgenen geblieben war, brachte sogar Ts Frau A zum Strahlen. Ich bin sicher, gemeinsam werden wir noch Großes vollbringen.
23.05.2008 (Siem Reap)
Auch mit einigen Hilfsorganisationen hier und in Phnom Penh hat es Kontakte gegeben und einer davon erscheint mir recht vielversprechend:
K von der GTZ machte den Vorschlag, den Garden Shuttle ein wenig zu modifizieren und private Haushalte täglich mit frischem Gemüse von lokalen Produzenten zu versorgen ("Der tägliche Gemüsekorb frisch vom Feld nach Hause geliefert"). Auf Konsumentenseite macht dies Sinn, da mit einer lokalen, biologisch sauberen Produktion (und der Lieferung ins Haus) geworben werden kann. Offenbar sind hier immer mehr Verbraucher um die Qualität ihrer Produkte besorgt und Einfuhren aus Thailand oder Vietnam waren in der Vergangenheit wohl auch häufiger mit Pestiziden oder Ähnlichem belastet. Auf Produzentenseite werden dadurch die Bauern vor Ort gestärkt, die nicht nur eine Erweiterung ihres Absatzmarktes erfahren, sondern durch die vorherige Vereinbarung festgelegter Absatzmengen auch erheblich an Planungssicherheit gewinnen.
Mir gefällt diese Idee sehr, da hier an verschiedenen durchaus nützlichen Schrauben gedreht werden kann. Auch der ökologische bzw. biologische Gedanke erscheint mir hier in Kambodscha mehr als eine blose Marketingidee zu sein. Mit relativ einfachen Mitteln kann man die Situation vor Ort deutlich verbessern, z.B. durch einen sachgerechten Einsatz von Pestiziden oder Düngern (und nicht nur einfach überall das Zeug draufhalten bis die Kanne leer ist) oder durch die strategische Entsorgung etwa von Bratfetten zur Wiederverwertung als Treibstoff. Die Menschen hier sind sich offenbar zunehmend dieser Verantwortung bewußt und ich weiß von internationalen Hotels, die gerne mehr in dieser Hinsicht unternehmen würden (natürlich auch um damit zu werben, aber das ist ja legitim). Heute Mittag werden wir diesbezüglich noch ein paar Marketinggedanken besprechen und dann kann ich nur hoffen, daß die Sache sich entwickelt.
Gestern habe ich mich noch mit P, dem hiesigen Leiter des Projekts zur "Häuslichen Gewalt" getroffen, in dem ich vor einem Jahr mitgearbeitet habe. Auch da scheinen die Dinge weiterhin gut zu laufen. Besonders bemerkenswert scheint mir eine Entwicklung zu sein, die eine lokale Spezialität betrifft. Zu Beginn des Projekts war es so, daß Personen mit einem offiziellen Status (z.B. Orts- oder Provinzvorsteher) für ihre Partizipation bezahlt werden mußten. Das klingt erstmal etwas unverständlich, da man ja für die Leute vor Ort etwas tun möchte und dafür einen Teil derjenigen, die dies betrifft, sogar noch bezahlen muß. Aber so ist das hier, man bezahlt sogar die Polizei, wenn man sie z.B. bei einem Verkehrsunfall ruft. Mittlerweile scheinen sich aber einige Dorfverantwortliche auch freiwillig zu engagieren, da sie sehen, daß das Projekt für die Gemeinschaft einen Nutzen erbringt. Keine Revolution, aber immerhin...
P hat mir auch ein wenig aus seinem privaten Leid berichtet: Er ist am überlegen, wie es mit seiner Exfreundin weitergehen soll. Einerseits hat er sie wohl noch ganz gern, andererseits fragt sie ihn laufend, mit wieviel er sie monatlich unterstützen kann, wenn sie mit ihm zusammenzieht. Ein anderer Mann, den sie kennengelernt hat, kann ihr monatlich 1000 Dollar geben, und da will sie von P doch zumindest auch einen substanziellen Betrag sehen. Ich habe ihm gesagt, daß ich in Europa keinen Mann kenne, der sich darauf einlassen würde, in so offensichtlichem Austausch gegen Geld eine Beziehung einzugehen, was ihn sichtlich etwas überrascht hat (und er ist eigentlich ein recht cooler Bursche). Aber es ist natürlich schwer zu sagen: Sind Frauen hier skrupelloser oder einfach nur offener bezüglich der Äußerung ihrer Absichten?
Wie auch immer, es wird wohl keine Zeit bleiben, dies herauszufinden, da ich mich langsam wieder auf die Abreise vorbereite. Übermorgen geht es nach Saigon und dann auch schon wieder zurück nach Deutschland.
27.05.2008 (Saigon)
Im Vergleich zu Phnom Penh ist Saigon ungleich geschäftiger und auch wirtschaftlich wesentlich weiter entwickelt. Auf den Straßen herrscht noch regeres Treiben und die Leute versuchen einen ständig in ein Gespräch zu verwickeln und irgendetwas zu verkaufen. Das war am ersten Tag etwas nervig, da man ja, insbesondere wenn man zum ersten mal in einem fremden Land unterwegs ist, sich etwas Freundlichkeit wünscht. Aber man gewöhnt sich schnell daran und irgendwann ist es auch wieder recht erfrischend, mit Gott und der Welt Späße zu machen.
Trotz der universellen Geschäftigkeit gibt es auch immer wieder Verblüffendes: Gestern war ich in einer größeren Bank zum Geldwechseln, und als ich am völlig ungesicherten Schalter stand, sah ich auf einer Ablage weniger als einen Meter vor mir schön gebündelt ungelogen eine Viertel Million US Dollar liegen. Ich hätte mich nur ein wenig vorbeugen und den Arm austrecken müssen... Ungefähr einen Meter dahinter waren auf einer Palette ca. ein Drittel Kubikmeter Vietnamesiche Dong, also nochmals mindestens die gleiche Summe, gestapelt. Ich fragte den Schalterbeamten, ob er denn keine Angst vor einem Banküberfall hatte, worauf er lächelnd "nein" antwortete. Sicherheitshalber fragte ich ihn dann, ob er denn wisse, was ein "Banküberfall" sei? Strahlend verkündete er, ja, ja, das habe er in Filmen schon gesehen.
Morgen abend geht es wieder nach Deutschland zurück, und in den nächsten Wochen werde ich u.a. ein wenig über Ökotechnologien recherchieren. Kurz vor meiner Abreise fiel mir auf, dass T (wie vermutlich viele Kambodschaner) jährlich ca. 120 Dollar für Holz ausgibt, um Wasser abzukochen und um Essen zuzubereiten. In einem Land, in dem es ja nun wirklich viel Sonne gibt, müßte es doch möglich sein, mit Sonnenenergie deutlich günstiger (und natürlich auch intelligenter) zu fahren. Neben dem fehlenden Wissen über derartige Technologien dürfte ein Handikap auch die relativ hohe (aber vermutlich tragbare) Anfangsinvestition sein, die sich bekanntlich erst nach einiger Zeit amortisiert. Solche im Prinzip einfachen Langzeitberechnungen stellen viele Kambodschaner jedoch gar nicht erst an.


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