Montag, Juni 04, 2007

The Garden Shuttle

04.06.2007 (Prolog)
Im Frühjahr 2007 war ich in Kambodscha gewesen und habe dort unter anderem in T‘s Schule Englisch unterrichtet. Die Schule mußte mittlerweile wegen mangelnder Rentabilität geschlossen werden. Nun ist T dabei, einen Lebensmittelhandel aufzubauen und ich bemühe mich, ihn so gut es geht zu unterstützen. In den letzten Monaten habe ich daher versucht, ihm den Gedanken kaufmännischer Rationalität zu vermitteln, habe ihm Geld geliehen, um sich ein Motorrad und einen Tuktuk-Anhänger zu kaufen, seine drei Kinder gehen mittlerweile regelmäßig zur Schule (auch die beiden Töchter, was in Kambodscha keinesfalls selbstverständlich ist), eine Name für das Unternehmen wurde gefunden („The Garden Shuttle“) und jetzt bin ich dabei, das Firmenlogo zu entwerfen und die Homepage zu gestalten (www.garden-shuttle.com).
Da das ganze Unterfangen mittlerweile eine beeindruckende Eigendynamik zu gewinnen scheint, möchte ich mal versuchen, per Log Schritt zu halten und ein wenig zu berichten. Und ich will doch mal sehen, was sich daraus entwickelt. Erstens wünsche ich T und seiner Familie natürlich den Erfolg, zweitens ist es auch für mich eine interessante Erfahrung unternehmerisch tätig zu sein, insbesondere in einem Land, das nach hiesiger Definition zur „Dritten Welt“ zählt.

31.07.2007
Logo, Vistienkarte und Homepage sind weitgehend fertig. T ist fleißig am aquirieren, d.h., er schreibt Emails an Restaurants, die als Kunden in Frage kommen, macht Termine, erläutert das Angebot etc. GT aus Singapur hat die Email-Anschreiben zwischenzeitlich überarbeitet, so daß diese sich nun auch recht ansprechend lesen.
Nun tauchen auch immer mehr Fragen auf, die mit Organisation und Buchführung zu tun haben. Ich habe mal in meinen früheren BWL-Kenntnissen herumgekramt und eine kleine Systematik entworfen, die einen Überblick über anstehende und zukünftige Aufgabe gibt. Daraus hat sich dann eine kleine Tabelle ergeben, mal sehen ob sie hilfreich ist.
Früher an der Uni hat man diese Dinge rezipiert und sich durch das trockene Gerede oft genervt gefühlt. Aber jetzt ist es sehr erfreulich, ein paar Ideen parat zu haben, die einem dabei helfen können, konkrete Probleme zu lösen.
Ferner bin ich derzeit noch dabei, meinen Laptop auf englisch umzurüsten und zusätzliche Office-Software daraufzuspielen. In einigen Wochen werde ich ihn nach Kambodscha mitnehmen. Es gibt dort sicherlich viel zu Planen und zu Besprechen für die nächsten Geschäftsetappen.

04.09.2007
Die Vorbereitungen sind jetzt weitgehend beendet. Am Montag, den 10.09. fahre ich zusammen mit B nach Bangkok, dann am nächsten Tag weiter nach Siem Reap. Dort werden wir für mindestens eine Woche bleiben und anschließend nochmal ca. drei Wochen in Kambodscha und Thailand herumreisen. Die Rückkehr erfolgt dann am 08.10.
T scheint in letzter Zeit beim Aufbau von Kundenbeziehungen recht erfolgreich gewesen zu sein. Und während vor einigen Wochen noch ich derjenige war, der darauf drängte, die Geschäftsprozesse gut zu planen und zu strukturieren, so ist es nun T, dessen "Hilferufe" nach Koordination lauter werden. Erstmal ein gutes Zeichen, aber es gibt offenbar nun wirklich viel zu tun.

18.09.2007 (Siem Reap)
Endlich findet sich Zeit und Ruhe für einige Zeilen. Ich habe selten eine Reise so sorgfältig vorbereitet wie diese, gleichzeitig ist auch noch nie so viel daneben gegangen wie in der letzten Woche. Aber ich will nicht lamentieren.
Nachdem wir in Siem Reap angekommen waren, habe ich mich natürlich auch bald mit T in Verbindung gesetzt, u.a. um den aktuellen Stand des Garden Shuttle zu erfragen. T hat sich wirklich viel Mühe gegeben, die Einnahmen zu dokumentieren und ich muß sagen, daß mich diese durchaus positiv überrascht haben. Auch der ansteigende Trend konnte erfreuen. Bezüglich der Ausgaben lag allerdings kein einziger Beleg vor, so daß leider immer noch völlig unklar ist, ob der Garden Shuttle derzeit im schwarzen oder roten Bereich arbeitet. Ich befürchte letzteres. Allerdings haben wir in den letzten Tage ziemlich intensiv daran gearbeitet, eine Tabellenkalkulation zu erstellen und zu besprechen, was wo einzutragen ist. Außerdem habe ich T meinen alten Laptop übergeben und wir haben die wichtigsten Prozeduren eingeübt. Die zentralen nächsten Schritte sind somit besprochen und eingeübt, und ich hoffe, daß auch alles klappt. Morgen fahren B und ich nämlich nach Phnom Penh weiter.

07.11.2007
Die Prozeduren, die wir eingeübt haben, klappen wirklich prima. T ist mittlerweile im Umgang mit dem Laptop recht geschickt und mithilfe des USB-Sticks, auf dem sich auch einige Programme befinden, verschickt er reichlich Emails. Da er die Mails nun auf seinem Laptop schreibt und auf dem Stick speichert, kann er in Internetshops aufgrund der geringen hierfür benötigten Zeit nahezu kostenlos Emails senden und empfangen.
So erreichen mich nun auch regelmäßig einmal die Woche die aktuellen Buchhaltungsdaten. Allerdings lassen diese keine Euphorie aufkommen. Der Garden Shuttle arbeitet zwar gerade im schwarzen Bereich, aber da ist T's Gehalt noch nicht eingerechnet. Legt man hierfür jedoch einen (plausiblen) Betrag von 80 Dollar pro Woche zugrunde (T und Ehefrau A), so springt der Saldo ins Dunkelrote.
Demnächst startet die Saison in Siem Reap und dann könnte sich die Situation etwas verbessern. Aber man ist in der Branche nicht allzu optimistisch. Immer mehr Gäste kommen als Pauschaltouristen und essen in ihren gebuchten Hotels. Die lokale Gastronomie wird dabei zunehmend in die Außenseiterolle gedrängt.
Ein anderes Problem in diesem engen Kampf um Ressourcen ist das Thema "Schmiergeld". Wer als Küchenchef in einem Restaurant arbeitet, der entscheidet, wo was gekauft wird. Für diese Entscheidung will er natürlich eine Entlohnung sehen, sonst entscheidet er sich eben anders. Den Besitzern der Restaurants - oftmals Ausländern - ist dies meist gar nicht bewußt. Sie sprechen kein Khmer und verstehen oft gar nicht richtig, was ihre Angestellten tun. Und T kann ihnen schlecht sagen, was er in der Küche so erlebt. Er würde Gefahr laufen, erstens gegenüber dem Management als unglaubwürdig zu gelten und sich zweitens seinen Ruf unter den Küchenchefs zu verderben.
Man darf abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Die nächsten Wochen werden sicherlich entscheidend sein.

31.01.2008
Die Dinge haben sich recht interessant entwickelt:
Der Gemüsehandel ist mittlerweile praktisch zum Erliegen gekommen. Unter den gegebenen Umständen war es schwierig, wirtschaftlich sinnvoll zu agieren und es ist völlig offen, wie sich die Dinge hier weiterentwickeln.
Dafür hat T nun einen Kontakt zu Vietnamesen aufgetan, die ein Waschmittel, das im Gaststättengewerbe wohl oft benötigt wird, zu einem sehr günstigen Preis anbieten. Das Mittel wird aus Rohmaterialien selbst hergestellt und die Gewinnspanne könnte ein ausreichendes Einkommen bieten. Mal sehen, vielleicht wird ja aus dem "Garden Shuttle" noch so etwas wie der kambodschanische "Weiße Riese". Zwischenzeitlich bietet er immerhin als TukTuk zur Personenbeförderung eine Einnahmequelle.
Aber es gibt noch eine weitere gute Neuigkeit: T hatte bis zum Frühjahr 2007 mit einer Behindertengruppe gearbeitet und Auftritte in Restaurants und Hotels organisiert und geleitet. Im Spätjahr 2007 hat er dann begonnen, diese Aktivitäten zu reaktivieren (Photo), um weitere Kontakte zur lokalen Hotelszene aufzubauen aber auch als alternative Beschäftigung und potentielle Einnahmequelle durch Spenden.
Diese Auftritte wurden bislang sehr gut aufgenommen und auch von größeren Hotels unterstützt. Kürzlich erfolgte gar im Raffles eine Vorstellung vor der Königin von Bhutan. Außerdem plant derzeit offenbar ein Produzent und Regisseur aus Los Angeles eine Dokumentation über Behinderte in Kamdodscha und interessiert sich ebenfalls sehr für die Gruppe. Man darf also weiterhin gespannt sein.

19.04.2008
Jetzt ist wieder etwas neues geschehen. Vor ungefähr 5 Wochen hat mich T gefragt, ob ich eine Erklärung dafür hätte, warum die Reispreise im Kambodscha in kurzer Zeit so dramatisch gestiegen sind. Es sagte, es sei aktuell sehr schwierig für ihn, Lebensmittel für die Mitglieder der Behindertengruppe zu besorgen. Ich habe damals angefangen zu recherchieren, und nun steht seit ca. einer Woche das Thema "globale Lebensmittelknappheit" plötzlich ganz oben auf der Rangliste unserer Nachrichtenberichterstattung.
Am 2. Mai werde ich nun wieder für knapp 4 Wochen nach Kambodscha fahren, zuerst nach Phnom Penh und anschließend nach Siem Reap. Es ist mir nicht richtig klar, wie das geschehen kann, aber ich würde gerne mit dazu beitragen, die landesinterne Produktion von Lebensmitteln anzuregen. Abgesehen davon gibt es natürlich auch sonst einiges zu besprechen, insbesondere "Aspekte der Rentabilität bei der Waschmittelproduktion". Hier scheinen sich Probleme des "Garden Shuttle" zu wiederholen, allerdings mit dem Unterschied, daß diesmal anhand einer doch recht ordentlich funktionierenden Buchhaltung schneller und gezielter reagiert werden kann.
Außerdem werde ich mich in Sachen "Kulturbotschafter" bemühen. T möchte ein neues Programm für die Behindertengruppe erstellen, und dabei würde er auch gerne deutsche bzw. westliche Musik einbeziehen. Sinnvollerweise kann dabei natürlich nur klassiche Musik infrage kommen und so bin ich seit 2 Wochen dabei, Stücke von Beethoven, Schubert, Bach etc. in stark komprimierter Form nach Kambodscha zu mailen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie man westliche Musik in eine kambodschanische Tanzerzählung einbauen kann, aber ich freue mich, ein wenig Werbung für eine unserer wichtigsten kulturellen Errungenschaften betreiben zu können.

19.05.2008 (Siem Reap)
Irgendwie hat jede Reise ihren eigenen Charakter. Diese verlaeuft ruhig und recht problemlos. Die erste Woche habe ich mich in Phnom Penh aufgehalten und seit gut einer Woche bin ich nun in Siem Reap. Es ist schon langsam wie mein zweites Zuhause hier.
Habe mich in letzter Zeit auch ein wenig mit kambodschanischer Geschichte beschaeftigt, dabei natuerlich auch mit der Zeit der Roten Khmer. Heute mittag habe ich dann mit T darueber gesprochen und er hat mir aus seinen diesbezueglichen Erlebnissen berichtet. Er war etwa fuenf Jahre alt, als seine Eltern durch eine Indiskretion erfuhren, dass sie auf der Todesliste standen und ihre Exekution damit beschlossene Sache war. Kurz darauf flohen sie eines nachts in das kleine Dorf, aus dem der Vater stammte, in der Naehe der vietnamesischen Grenze. Mit einem von einem Wasserbueffel gezogenen Karren und ohne nennenswerte Verpflegung ging der Weg vorbei an aufgedunsenen und verwesenden Leichen bis sie nach einige Tagen ihr Ziel erreichten und ihnen Unterschlupf gewaehrt wurde. Niemand fand dort heraus, dass sie eigentlich gesucht wurden und so blieb ihr Leben verschont. Gegen Ende des Krieges beobachtete T einen Trupp der Roten Khmer, der in unmittelbarer Naehe des Dorfes zusammmensass und beratschlagte. Die herannahenden Vietnamesen schossen eine Granate mitten in die Versammlung und loesten sie dadurch im wahrsten Sinne des Wortes auf. Zu der Zeit hatte ich gerade meinen Fuehrerschein gemacht und fuhr in meinem, von den Eltern gesponserten, ersten Auto durch die Gegend. In den Nachrichten war manchmal von irgendwelchen Roten Khmer die Rede, aber richtig verstanden, worum es dabei ging, habe ich damals nicht.
Spaeter am Nachmittag war ich dann bei einer Probe der Schauspieltruppe dabei. T hat ihnen in dem Gebaeudekomplex, in dem er selbst wohnt, eine Wohnung angemietet. Sie bereiteten mir einen sehr herzlichen Empfang und wir haben viel gelacht. Ausserdem war es schoen, die Truppe ein wenig aus der Naehe zu erleben. Der Junge in der Mitte beispielsweise mit den gruenen Hosen und dem schwarzen Hemd hat eine wunderschoene Stimme und strahlt beim Spielen eine bemerkenswerte Anmut aus. Der Schwarm aller Maedchen moechte man meinen. Er ist vor zwei Jahren, als er mit seinen Eltern auf dem Feld arbeitete, auf eine Mine getreten.
Dann haben wir noch die Arbeit an Ts Buchhaltung fortgesetzt. Vor einigen Tagen diagnostizierte ich gewisse Defizite in der Art und Weise, wie T mit dem Geld umging, das er von Hotels fuer die Truppe erhielt und wiederum fuer die Truppe aufzuwenden hatte. Die genauere Form der Defizte veranlasste mich dazu, T zunachst eine Stahlkasette zu kaufen und ihm dann eindringlich zu erklaeren: "Da muss das Geld erstmal hinein!" Wir bastelten noch ein Formular, auf dem Ein- und Ausgaenge vermerkt werden koennen, um einen gewissen Uberblick ueber Geldfluesse zu erhalten. Ich bin sicher, bereits damit in Kambodscha eine finanztechnische Revolution von enormer Tragweite in Gang gesetzt zu haben, aber mein aufklaererischer Geist liess mich nicht ruhen. Zusaetzlich erlauterte ich T elementare Prinzipien der Ruecklagenbildung: "Wenn man etwas Geld zurueklegt, solange man genug hat, dann kann man in der Not darauf zurueckgreifen". Diese Erkenntnis, die bis dato hierzulande voellig im Verborgenen geblieben war, brachte sogar Ts Frau A zum Strahlen. Ich bin sicher, gemeinsam werden wir noch Grosses vollbringen.
Auch mit einigen Hilfsorganisationen hat es Kontakte gegeben und morgen kommen hoffentlich weitere hinzu. Ich werde berichten.