Tuesday, January 02, 2007

Über Nihilissimus...

Vor langer Zeit, als die Erde noch eine Scheibe war, begab es sich, daß ein kleiner Junge loszog, um das Ende der Welt zu suchen. Nicht, daß er gierig nach Ruhm gewesen wäre, nein, ihn reizte einfach nur das Abenteuer. Es schmerzte ihn sehr, als er sein Elternhaus verließ, und dennoch wußte er, daß ihn seine Sehnsucht unglücklich gemacht hätte, wäre er nur ein Weilchen länger geblieben.

So zog er los in die nächstgelegene Stadt, wo er glaubte, er könnte erfahren, wohin ihn seine Schritte lenken sollten. Aber die Menschen, mit denen er dort sprach, verstanden gar nicht, was er meinte, wenn er nach dem Ende der Welt fragte. Sie waren mit wichtigen Dingen beschäftigt und blickten nur verständnislos drein, wenn sie ihn reden hörten: „Wie kann man nur nach dem Ende der Welt suchen, wo doch jeder weiß, daß am Ende der Welt nichts mehr ist?“

Bald stieß er aber auf einen fahrenden Händler, der sich anbot, ihn in eine andere Stadt mitzunehmen. Als Gegenleistung sollte sich der Junge auf dem Markt mit dem Verkauf von Waren seinen Unterhalt verdingen. „Kein schlechtes Geschäft“ dachte er sich und willigte ein. „So lerne ich ein bißchen mehr über die wichtigen Dinge der Menschen, und vielleicht finde ich dort jemanden, der mir den Weg zum Ende der Welt weisen kann.“ Schnell begriff er die Sprache derjenigen, deren Waren er anpries, und er erwarb sich durch seine Geschäftigkeit die Anerkennung des Händlers. Aber so viele Worte er in immer kunstvollerer Art und Weise aneinander reihte, über das Ende der Welt brachte er nichts in Erfahrung.

Immer mehr vernahm er in dieser Zeit von dem großen Land im Westen, in dem man offenbar Dinge kannte, von denen die Menschen der Stadt nur hinter vorgehaltener Hand zu sprechen wagten. „Dort muß ich suchten“ dachte sich der Junge, und während er eines Tages verträumt durch die Stadt spazierte, hörte er von einem Schiff im Hafen, das bei Sonnenaufgang die weite Fahrt über das Meer zu dem großen Land antreten würde. Kurzerhand packte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen und erkaufte sich mit dem Geld, das ihm der Händler für seine Verdienste gegeben hatte, eine Überfahrt.

Das Land war weit, und er durchquerte es von einem Ende bis zum anderen. Immerfort Richtung Westen ziehend erklomm er Berge, überquerte Täler, durchstreifte Wüsten und fuhr auf breiten Flüssen bis er schließlich an ein anderes großes Meer gelangte. Dort legte er eine Rast ein, denn er wollte mehr über die Dinge erfahren, die ihm unbekannt waren. Viele Menschen sprach er an, und sie antworteten ihm mit gewichtiger Stimme und festem Blick. Stolz verkündeten sie vom Heute, vom Morgen und was danach kommt. Dabei waren sie so sehr mit dem Wohlklang ihrer Worte beschäftigt, daß es ihnen offensichtlich gar nicht in den Sinn kam, an das Ende der Welt zu denken.

Da begann der Junge zu zweifeln, ob das Ende der Welt wirklich existierte. Seine Sehnsucht aber trieb ihn immer weiter. Wieder überquerte er ein großes Meer und durchstreifte fremde Länder mit wundersamen Städten. Die Menschen, auf die er dort traf, tanzten, lachten und redeten in lustig klingenden Sprachen. Doch jedesmal wenn er versuchte, es ihnen gleich zu tun, spürte er, wie sein Herz ihn immer wieder fort zog. Dann wieder, wenn er auf einem Berg sitzend in die große, warme Sonne blickte, dachte er: „Vielleicht ist dort das Ende der Welt“. Aber wie könnte er jemals dorthin gelangen?

Es wußte es nicht und so zog er weiter und weiter bis ihm eines Tages die Städte, denen er begegnete, seltsam vertraut vorkamen. Und ehe er sich versah, stand er plötzlich wieder vor seinem Elternhaus, das er vor langer Zeit verlassen hatte. Er freute sich über die Wiederbegegnung mit den Menschen, die er noch von früher kannte. Sein Ziel aber hatte er nicht gefunden und nun wußte er auch nicht mehr, wo er weitersuchen könnte. „Vielleicht gibt es das Ende der Welt ja wirklich nicht“, dachte er sich. „Vielleicht haben die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ja recht, und ich sollte mich auch mit Wichtigem beschäftigen.“

So besann er sich auf die einzige Fertigkeit, die er in all den Jahren gelernt hatte, und er begann, Waren auf dem Marktplatz seiner Stadt zu verkaufen. Dank der kunstvollen Worte, die ihm noch geläufig waren, gelang es ihm nach einiger Zeit, einen bescheidenen Wohlstand aufzubauen und ein kleines Haus zu erwerben, in dem er wohnte. Nur manchmal, wenn er abends alleine vom Markt nach Hause ging und seine Sehnsucht leise in ihm wieder erwachte, fragte er sich noch: „Wie kommt es nur, daß ich die ganze Zeit im Kreis gegangen bin?“

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