Tuesday, March 27, 2007

Reiseimpressionen - Kambodscha 2007

24.01.2007
Endlich gibt es - aus aktuellem Anlass - wieder Gelegenheit, mich mal wieder zu melden: Ich fahre morgen für 6 Wochen nach Südostasien. D.h., morgen erst mal nach Bangkok, dann am Freitag früh (Ortszeit) so schnell wie möglich ans Meer nach Koh Chang, nach 2-3 Tagen der Akklimatisierung weiter über die kambodschanische Grenze Richtung Osten nach Sihanoukville und von dort nach Norden über Phnom Penh nach Siem Reap.
In Siem Reap werde ich dann 3 Wochen bleiben, um an einem NGO-Projekt zum Thema "Häusliche Gewalt" mitzuarbeiten. Ich weiß zwar noch nicht genau, was mich dort erwartet, aber es ist eine gute Gelegenheit, erstens etwas über die Arbeit von NGO‘s zu erfahren und zweitens eine wenig die kambodschanische Kultur kennenzulernen.
Und was mich momentan an meisten fasziniert (es sind ja häufig Kleinigkeiten...): Mein Hotel in Siem Reap ist ungefähr 5 Kilometer von den legendären Tempelanlagen um Angkor Wat entfernt - also prinzipiell in Zwischendurchmitdemfahrradhinfahrdistanz.

26.01.2007
Von 0 auf 30 (Grad) in 11 Stunden und jetzt sitze ich am Strand von Koh Chang vor einem kleinen PC und schreibe. Die Anreise hat perfekt geklappt, quasi nonstop mit S-Bahn, Flieger, Bus, Schiff und zuletzt Moped bis zu diesem charmanten kleinen Bungalow im White Sand Beach Ressort direkt am Strand. Auch schon geduscht und mit einem kleinen Chivas erfrischt geht’s jetzt zum Essen und Trinken (aber vermutlich nicht allzu lange da ja vorhin kaum Zeit zum Schlafen blieb).
Komisch, Reisen ist wohl nirgendwo so einfach wie hier, und je weniger Gedanken man sich macht, desto besser funktioniert es (oh, habe ich da gerade eine Lebensweisheit ausgesprochen ... mal später drüber nachdenken...).
Hier hat sich einiges verändert in den letzten 3 Jahren. Bangkok hat einen neuen ziemlich modernen Flughafen, lauter neue Busse und Taxis (allerdings keine europäischen mehr wie früher, sondern nur noch asiatische...) und die Preise adjustieren sich wohl auch so langsam nach oben. Na mal schauen, ich glaube das wird noch eine interessante Zeit hier und vor allem dann in Kambodscha.

29.01.2007
So, „The ballroom days are over honey“ wie Jim Morrison einst so stimmgewaltig skandierte. Morgen geht’s an der Küste lang nach Kambodscha, zuerst nach Koh Kong und dann nach Sihanoukville.
Habe in den letzten Tagen in Gesprächen und Büchern einige Infos eingeholt: Kambodscha ist ja wirklich von der Weltgeschichte schwer gebeutelt worden; von allen Seiten und sogar von innen heraus bekämpft (Thailand, Vietnam, Pol Pot etc. sowie die mittlerweile zur Gewohnheit gewordenen amerikanischen Kolalateralschäden, hier aus dem Vietnamkrieg) und erst seit einigen Jahren in halbwegs friedlichen Zustand. Die dortige Gesellschaft hat offenbar wirklich einiges mitgemacht.
Hilfsorganisationen werden gar nicht so positiv gesehen, wie man glauben möchte. Das geht schon bei der UN-Mission Anfang der 90er Jahre los, die zwar offenbar hilfreich war, die Kämpfe mit den Roten Khmer einzudämmen, die aber auch für Aids und Prostitution verantwortlich gemacht wird.
Aber auch NGO's wird nicht nur Gutes nachgesagt: Erstens scheinen sich die meisten Leute dort im Winter zu engagieren und im westlichen Sommer wieder nach Hause zu fahren (ein Schuh, den ich mir ja auch anziehen muss.). Da der Sommer durch die offenbar sehr heftige Regenzeit die schwierigere Jahreszeit ist (Krankheit, Regendepression etc.), wäre Hilfe aber gerade dann nötiger. Zweitens wird NGO's vorgeworfen, den Hilfszweck gerne zu verdrehen. Die Idee ist folgende: Wer helfen möchte, lässt sich optimalerweise als NGO registrieren. Dies ist zwar teuer (kambodschanische Beamte sagen gerne danke schön), hat aber den Vorteil, dass man dann an Hilfsgelder, meist des Auswärtigen Amtes des eigenen Landes, rankommt. So weit so gut, nur scheint sich mit der Zeit bei einigen die Motivlage zu wandeln: Geldbeschaffung wird zum eigentlichen Organisationszweck und Hilfe verkommt zur notwendigen Alibitätigkeit.
Ich kann diese Argumente natürlich nicht beurteilen, aber wie man sieht, stecken hier wieder mal allerlei Teufeleien im Detail. Na mal sehen.

31.01.2007
Gestern bin ich über die Grenze nach Kambodscha gekommen, zuerst nach Koh Kong und nach einer Übernachtung dann heute mit dem Boot nach Sihanoukville.
Wer jetzt auf die Karte schaut müsste sich fragen, warum mit dem Boot, man muss doch nur die Küstenstraße entlang fahren? Nun ja, mit dem Boot dauert es 4 Stunden mit dem Bus 5 und ist, wie man mir sagte, ziemlich holprig. Der geneigte Leser ahnt bereits: Die Zustände habe sich in mehrerlei Hinsicht verändert. Kambodscha ist deutlich ärmer, die Straßen oft ungeteert und auch die Unterkünfte einfacher und dafür auch billiger.
Gleichsam bemüht man sich offenbar, vom westlichen Nachbarn zu lernen. Sihanoukville hat meines Wissens die einzigen nennenswerten touristisch erschlossenen Badestrände, allerdings mit mehr Besuchern, als ich in Thailand jemals auf einem Haufen gesehen habe.
Der Hopplahoppaufbau hat natürlich auch seine Kuriositäten: So lautet die Landeswährung beispielsweise Riel, was allerdings niemanden näher zu interessieren scheint. Preise sind entweder in Dollar oder thailändischen Baht ausgezeichnet. Steht also irgendwo, dass ein Milchshake 1 Dollar kostet, so gibt man entweder einen Dollar, 40 Baht oder 4000 Riel, ganz egal. Was man gegebenenfalls als Rückgeld bekommt, ist genauso offen, man nimmt halt, was man kriegt.
So machen es übrigens auch die Beamten: Mein Visum kostete an der Grenze 1300 Baht, ein Preis, den auch andere Touristen anstandslos bezahlt haben und an dem auch kein Kambodschaner Anstoß nahm. Als ich heute mit meinem kambodschanischen Taxifahrer darüber sprach, lachte der nur. Der eigentliche Preis beträgt 800 Baht. Ich sagte, dann wird der Beamte wohl 500 für sich eingesteckt haben, worauf er erneut grinste. Den Anteil für den Staat schätzte er auf höchstens 400. „Vollständige Korruption“ scheint das Staatswesen am genauesten zu definieren. Der Taxifahrer nannte mir dann ein anderes Beispiel: Wenn er heiraten möchte, benötigt er von seiner lokalen Verwaltung eine schriftliche Erlaubnis. Den (eigentlich kostenlosen) Antrag hierfür einzureichen, ohne gleich ein paar Geldscheine dazuzulegen, bezeichnete er als völlig sinnlos.
So, es ist jetzt 21 Uhr und werde gleich nach Victory Hill fahren, einem Vergnügungsviertel in dem es eine landestypische Besonderheit gibt, auf die in der Tourismusliteratur aufmerksam gemacht wird: Biermädchen. Offenbar handelt es sich dabei um Mädchen, die, sobald man eine Bar betritt, versuchen, einem zunächst eine bestimmte Biersorte in möglichst großer Menge und anschließend sich selbst zu empfehlen. Ich werde berichten.

03.02.2007
Die Gewaltmärsche haben endlich ein Ende. Gestern bin ich in Siem Reap angekommen, wo ich erst mal ein wenig ausruhen möchte und ja auch 3 Wochen bleiben werde. Habe mir auf den vielen Fahrten die übliche Erkältung zugezogen und muss jetzt eine wenig kurieren und auch aufpassen, dass die Bronchien heil bleiben. werde deshalb auch zumindest heute auf Taxifahrten (üblicherweise mit Moped oder Tuktuk) verzichten.
Kambodscha hat schon eine erstaunliche Landschaft: Die 300 km von Phnom Penh nach Siem Reap sind flach wie ein Fußballfeld, etwas Vergleichbares hab ich selten gesehen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was hier in der Regenzeit passiert, die Häuser sind jedenfalls alle auf Pfähle gebaut.
Im Reiseführer wird auch auf eine interessante Kuriosität hingewiesen, die mir jetzt verständlicher wird. Siem Reap liegt in der Nähe eines Sees, dem Tonle Sap See. Unterhalb des Sees fließt der Tonle Sap Fluss ab und mündet in Phnom Penh in den Mekong. Dieser Tonle Sap Fluss ändert angeblich zweimal im Jahr seine Fließrichtung! Der Grund ist: Im Frühsommer, wenn die Regenzeit beginnt, addiert sich im Mekong das Regenwasser zum Schmelzwasser aus dem Himalaya und der Wasserdruck steigt anscheinen derart an, dass das Wasser im Tonle Sap nach oben gedrückt wird. Der Tonle Sap See wird dann von beiden Seiten gespeist und vervierfacht seine Fläche. Aber das ist natürlich nur vorstellbar bei einer extrem flachen Landschaft, wo die Fließgeschwindigkeit gering ist (finde ich jedenfalls, bin kein Ingenieur...)
Ach ja, Nachtrag zu Victory Hill: Ich weiß nicht, wer meinte, mit dem Begriff „Biermädchen“ etwas besonderes entdeckt zu haben, aber die Sache ist ganz simpel und harmlos. In einigen Bars sind Mädchen angestellt, die die Gäste bei Eintritt in die Bar begleiten und dazu animieren sollen zu trinken (was soll man in einer Bar auch anderes tun?). Sie sind offenbar am Umsatz beteiligt und verdienen sich damit ihr Geld, und was sie nach ihrer Arbeitszeit machen ist ohnehin ihre Angelegenheit. In meinem Fall hieß die junge Dame Sirada (schöner Name, nicht?), war glaubhaft 25 Jahre als, sah aber aus wie 17 (typisches Phänomen hier, das Alter ist schwer einschätzbar) und sprach sehr gut englisch. Wir haben uns eine ganze Weile unterhalten und sie erzählte mir dass ihr Mann vor 5 Jahren im Alter von 31 Jahren gestorben war (Herzprobleme, was auch immer eine solche Diagnose hierzulande besagen soll), die Eltern waren ebenfalls tot und sie hat auf, wie ich fand, wirklich rührende und bewundernswerte Art und Weise mit ihrem etwas jüngeren Bruder das Leben gemeistert.
Auf meine Frage, wie es denn kommt, dass bei einem so jungen Mädchen wie sie es war, die Eltern schon tot sind, sagte sie etwas ausweichend aber durchaus ernsthaft, sie sei nicht mehr jung. Das klingt im ersten Moment nach Koketterie, ist aber bevölkerungsstatistisch gar nicht mal so falsch. 50% der Bevölkerung Kambodschas ist unter 20 Jahre alt (Deutschland 42 Jahre), die Lebenserwartung liegt bei 58 Jahren (Deutschland 78 Jahre). Tja, damals, als man sich bei uns noch den Anschein zu geben versuchte, halbwegs ernsthaft über die Rentenversicherung nachzudenken, wäre eine solche Statistik mit großem Interesse kommentiert worden (aber ich will jetzt lieber nicht über die damit verbundenen potentiellen Schlussfolgerungen spekulieren..).
Und vielleicht noch etwas: NGO‘s sind hierzulande und besonders auch in Siem Reap offenbar extrem aktiv. Gegenüber meines Guesthauses ist zur Zeit eine Seidenmesse, in der auch andere Künstler ausstellen. Da gibt es einige NGO‘s, die sich um die Produktion von Seidenartikeln kümmern (Anlernen, Vermarktung etc.) und ein Projekt fand ich besonders spektakulär. Ein Künstlergruppe hat aus russischen AK47 und amerikanischen M16 Maschinengewehren Kunstgegenstände (Elefant, riesige Blume etc.) gebastelt. Die Waffen waren natürlich zerlegt und stammten aus früheren Beständen der Roten Khmer. Entgegen meinen ersten Informationen habe ich im Moment durchaus den Eindruck, dass NGO‘s hierzulande einiges Positive bewirken. allerdings ist auch sonst wohl kaum jemand da, der sich um die Leute kümmert.
Vielleicht das auffälligste NGO Projekt geht um Kinderprostitution. Das muss offenbar ein großes Thema gewesen sein und wie hörte, war es üblich, dass man, wenn man erwischt wurde, sich bei der Polizei gegen einen größeren Geldbetrag freikaufte. Eine UN-gestützte Aktion hat dagegen gesetzt und durch große Werbe- und Aufklärungskampagnen öffentlichen Gegendruck erzeugt (auf meinem Bus gestern war beispielsweise die komplette rechte Seite mit einer riesigen Anzeige gegen Kindesmissbrauch bedruckt!). Jetzt kann auch die Regierung das Problem nicht mehr ignorieren und nun dürfte das Thema zumindest von der Oberfläche verschwunden sein. Wie ich finde ein gutes Beispiel für die These, dass Öffentlichkeitsarbeit (meist durch NGO‘s) ein sehr wirkungsvolles Mittel ist, Druck auf einen Marktteilnehmer auszuüben. Meist wird in diesem Zusammenhang die Brent Spa Geschichte genannt, aber auch eine Regierung ist natürlich national und besonders auch international mehr oder weniger von der öffentlichen Meinung abhängig.
So, jetzt habe ich aber viel geschrieben. Werde mir jetzt noch ein wenig die Stadt anschauen und dann relaxen und hoffentlich bad wieder völlig fit sein.

05.02.2007
Hatte heute sozusagen meinen ersten Arbeitstag und bin gerade zurückgekehrt.
Ich hatte ja schon erzählt, dass es hierzulande und besonders auch hier in Siem Reap etliche Hilfsorganisationen bzw. NGO‘s gibt. Allerdings scheint die Bandbreite dessen, was sich hinter den verschiedene Bezeichnungen verbirgt, doch ganz erheblich zu sein. Ich glaube, ich habe ziemliches Glück gehabt. Das Projekt in dem ich mitarbeite, ist ganz gut angelegt. Habe heute den Projektantrag gelesen, der war auf dem Niveau, das ich auch von der Uni her kenne. Das ganze läuft auf 2 Jahre (1 Jahr ist jetzt herum) und wurde mit über 100 tsd Dollar gefördert, hat also einen durchaus respektablen Stellenwert. Die übergeordnete Förderorganisation lautet PLAN, aber zu diesen Dingen werde ich wohl erst nächste Woche bei einem Treffen mit Leuten aus der Zentrale in Phnom Penh mehr erfahren.
Inhaltlich beschäftigt sich das Projekt mit 4 teilweise zusammenhängenden Themen: häusliche Gewalt, Drogenmissbrauch, sexueller Missbrauch und Menschenhandel. Dazu werden in 2 Kommunen mit zusammen 60 Dorfern zunächst verschiedene Aufklärungsveranstaltungen zu den Thematiken durchgeführt (also z.B.: "Wenn die netten Leute kommen und dir 500 Dollar für deine kleine Tochter bieten, dann musst du nicht glauben, dass sie deshalb einen Ausländer heiraten und ein schönes Leben haben wird. Vielmehr wird sie wahrscheinlich für den Rest ihrer wohl nicht mehr allzu vielen Jahre in einer Fabrik, auf dem Strich oder sonst wo arbeiten). Das Bildungsniveau ist halt auf dem Land sehr gering.
Morgen früh werde ich mit B. und S. nach Angkor Thom fahren und bei einer solchen Veranstaltung dabei sein. Darüber hinaus sollen sogenannte Familienschutznetzwerke in den Dorfern und Kommunen installiert werden, in die Ansprechpartner bei Problemen, lokale Behörden, Schulen und die Polizei integriert werden. Auf mich macht das ganze einen sehr passablem Eindruck und auch die Leute sind sehr freundlich und vor allen Dingen auch engagiert.
So und jetzt werde ich mich noch mit T. treffen. Er ist Kambodschaner, Englischlehrer und engagiert sich nebenher für Körperbehinderte.
Kambodscha ist m.W. das Land mit der höchsten Quote an Behinderten weltweit, hervorgerufen durch Minen, Polio und Autounfälle. Da das Land über keinerlei staatliche soziale Absicherung verfügt, sind Menschen, die in die Behinderung geraten, hilflos und ohne Unterstützung zum Betteln verdammt. Und wenn man hier mit einem Stück Baguette auf der Straße kauend spazieren geht, dann kann man durchaus darum geben werden, etwas abzugeben. Es geht hier nicht nur um Geld, manche Leute betteln wirklich um etwas zu essen, was ich noch nirgendwo so erlebt habe.
So, mal sehen, vielleicht werde ich nebenher in T‘s Schule ein wenig Englisch mitunterrichten.

08.02.2007
Gestern und vorgestern war ich hier in 3 Dörfern mitgewesen, wo die Schulungen zum Thema „häusliche Gewalt“ stattfanden. Wie man sich vorstellen kann eine prima Gelegenheit, das Leben abseits des Tourismus kennenzulernen. Das Leben dort ist natürlich sehr einfach, aber die Leute sind sehr interessiert wenn jemand kommt und auch mir gegenüber sehr freundlich. Bei den Seminaren sitzen dann zwischen 50 und 100 Personen irgendwo im Schatten auf dem Boden und dann läuft zwischendrin schon mal ein Huhn mit seinen Küken am Dozenten vorbei, ein schreiendes Baby wird gestillt, oder ein Schwein mit einen geworfenen Stock vertrieben. Sehr unterhaltsam und irgendwie geben sich alle Beteiligten große Mühe.
Mein Beitrag am Geschehen muss sich natürlich im Wesentlichen auf bloße Anwesenheit beschränken, was aber möglicherweise nicht zu unterschätzen ist. Zu Beginn eines Vortrags spreche ich ein paar warme Worte auf englisch, die dann übersetzt werden und die Leute freut. Eine Teilnehmerin sagte mal exemplarisch, wenn da sogar eine Langnase sich die Zeit nimmt, zu uns zu kommen und bei dem Vortrag dabei zu sein, dann muss dieses Thema ja offenbar wichtig sein. Ansonsten konnte ich bisher hoffentlich ein paar nützliche Anregungen geben zur Präsentation (mehr Rollenspiele, was die Leute sehr anspricht; den Dorfchef stärker einbeziehen um commitment zu erzeugen, etc.) aber ich möchte meine diesbezügliche Bedeutung hier nicht als besonders hoch einschätzen, die Trainer sind schon gut geschult und motiviert. In einem Bereich, der mich wohl ein Leben lang verfolgen wird, kann ich wohl noch hilfreich sein: P., den Chefkoordinator, habe ich gestern angetroffen, wie er an seinem Bericht saß und sich insbesondere mit den Statistiken quälte. Zusammen mit B., dem hiesigen Psychologen quälen sie sich mit der Software SPSS ab. Ich habe dann meine Hilfe angeboten, aber ich will mich auch nicht aufdrängen, mal sehen. Man merkt schon, dass man in Asien ist, die Leute sagen nicht wirklich „nein“ sondern schweigen einfach, wenn sie eine ablehnende Haltung einnehmen, dann braucht man halt Ruhe und Geduld.
Heute Abend werde ich wieder bei T. vorbeischauen und Englischunterricht geben. Seine Schüler und Schülerinnen sind so zwischen 12 und 16 und sehr am Unterricht interessiert und freundlich. Da macht es natürlich erstens Spaß und zweitens dürfte mein Englisch immer noch deutlich besser sein als das der lokalen Englischlehrer. T. sagt das selbst und er beklagt auch seine mangelhafte Ausbildung.
Das ist natürlich auch so ein Thema: Die Regierung gibt nur ein Minimum für Ausbildung aus und auch lokale Unternehmen (meist Hotels) tun viel weniger für die Ausbildung ihres Personals als internationale. Ich denke, und das ist auch T‘s Meinung, dahinter steckt sogar eine Strategie: Die lokalen Eliten möchten ihre dominante Machtposition stützen und das allgemeine Bildungsniveau gering halten. Insofern freuen mich meine kleinen Aktivitäten in doppelter Hinsicht: Sie nutzen den Leuten und greifen das Regime an. Die letzten Jahre haben ja gezeigt, dass man gesellschaftliche Strukturen nicht dadurch sinnvoll ändern kann, dass man Bomben drauf wirft. Vielmehr muss man die Entwicklung von innen heraus fördern und der erste Schritt auf diesem Weg ist die Bildung, die den Menschen die Teilnahme am internationalen Geschehen ermöglicht und alternative Ziele und Wege aufzeigt.
Im April sind hier „Wahlen“ und so ist die Regierungspartei, die „Cambodian Peoples Party“, momentan damit beschäftigt, den Leuten zu zeigen, an welcher Stelle sie ihr Kreuz machen sollen. Aber für die Zeit danach sind einige Leute aus lokalen Hilfsorganisationen skeptisch, ob danach nicht Repressionen gegen ebensolche Hilfsorganisationen erfolgen, die sich um Bildung und Menschenrechte bemühen.
Ich mache jetzt Schluss und widme mich für einen Weile ein wenig den banalen Dingen des touristischen Alltags. Morgen geht’s endlich ausgiebig zu den Tempeln Angkors. Was ich bisher im Vorbeifahren gesehen habe war phantastisch, ich werde berichten.

11.02.2007
War am Freitag endlich in Angkor gewesen, nachdem ich vorher schon mehrmals vorbeigefahren bin.
Vielleicht ein paar Erklärungen vorweg: Angkor bezeichnet den ersten und größten Stadtstaat der Khmer, ca. 800-1400, dessen Zentrum meistens hier in der Nähe von Siem Reap gewesen ist. Die Mehrzahl der damaligen Gebäude waren aus Holz und sind verschwunden, geblieben sind die steinernen Tempel und einige Reste des steinernen Königshauses in Angkor Thom. Die Tempelanlagen verstreuen sich insgesamt auf einen Fläche von ca. 300 qkm, wobei das Zentrum hier in Siem Reap eine Fläche von 20-30 qkm haben dürfte. Angkor hatte damals eine Bevölkerungszahl von bis zu einer Million.
Der prominenteste, größte und am besten restaurierte Tempel ist Angkor Wat, übrigens das größte religiöse Bauwerk der Welt. Angkor Wat besteht zunächst aus einer rechtwinkligen Insel mit ca. 1 km Seitenlänge. Diese Insel ist von einem ebenfalls rechtwinkligen Wassergraben mit ca. 200m Breite umgeben. Dieser ist völlig symmetrisch angelegt und wird zu beiden Seiten von ins Wasser zulaufenden Treppen gesäumt (allein das schon, ein völlig rechtwinkliger Wassergraben mitten im Wald ist ein faszinierender Anblick). In der Mitte der „Insel“ befindet sich das zentrale Tempelgebäude mit den bekannten 5 Türmen und einer Seitenlänge von ca. 250x350m. Die ganze Anlage symbolisiert das Universum aus hinduistischer Sicht (damals war der Buddhismus hier erst noch im kommen). Der Wassergraben symbolisiert das die Erde umgebende Meer und das Zentralgebäude den Berg Meru.
Dieses Zentralgebäude besteht praktisch durchweg aus mit Verzierungen versehenen Steinen nahezu ohne irgendwelche glatten Flächen. Auf der unteren Ebene befinden sich minutiös gearbeitete Steinreliefs, die verschiedene Geschichten erzählen mit einer Fläche von 2x600m (tatsächlich sechshundert). Als ich dieses Gebäude besichtigte habe ich nach ca. 1 Stunde gespürt, wie sich mein Innerstes zu wehren begann, weitere Eindrücke aufzunehmen. Ich bin dann noch eine weitere Stunde eher zombiehaft durch die Gegend gelaufen, bevor ich begann, die anderen größeren Tempel zu besichtigen (jeder für sich beeindruckend).
Bemerkenswert ist z.B. noch die Tempelanlage Ta Prohm, das ist die, die noch von Bäumen überwuchert ist. Darauf gibt es z.B. ein kleines Tempelgebäude von ca. 7m Höhe, auf dem ein Baum wächst, dessen Wurzeln zu beiden Seiten des Tempels herunterreichen und sich in die Erde eingraben. Sieht wahnsinnig aus, kennt man vielleicht auch aus Bildern.
Also, das war ein ziemlich beeindruckendes Erlebnis, und ich kann nur empfehlen, hier mal vorbeizuschauen. Ich selbst werde mir die Tempel auch sicherlich noch ein oder zweimal anschauen.
Ach ja, und noch etwas hat sich getan: Ich habe ja schon geschildert, dass ich mit meiner NGO offenbar ziemliches Glück hatte, und jetzt habe ich auch ein gutes Beispiel dafür, wie es nicht sein soll, gefunden. Eine Bekannte aus Singapur hat hier bei einer NGO namens A.. ebenfalls volunteeren wollen, dann aber nach 2 Wochen abgebrochen, weil das ganze offenbar ziemlich dubios war. Gründer und Direktor dieser Organisation ist S. Er wirbt damit, dass er sich um Körperbehinderte kümmert, die alle in einem Haus wohnen und sammelt dafür auf alle möglichen Art und Weisen Geld ein. Tatsächlich wohnt, wie ich von unabhängigen Seiten gehört habe, vor allem seine 12-köpfige Familie in diesem Haus und lässt sich von den Behinderten bedienen. Sie selbst essen täglich Fleisch, er selbst hat sich gerade für 1800 Dollar ein Auto gekauft, aber für die Behinderten bleibt oft nicht mal Reis. Gestern Abend habe ich mich mit S. unterhalten, er plappert das Blaue vom Himmel herunter, was er alles für andere Leute tun würde. Unterstützt wird er von einem Amerikaner namens G., der eigenen Angaben zufolge die Hälfte des Jahres in Kambodscha ist, um das Projekt zu unterstützen. Ich weiß nicht, ob er nur blind voller Selbstverliebtheit ist oder auch noch finanziell etwas für sich abzweigt. Jedenfalls hat es etwas wirklich Peinliches, diesen Burschen reden zu hören, wenn er seine Wundertaten bei allen möglichen Gelegenheiten in seinem betont bescheidenen Worten, fast schon devot anpreist. Das Ganze wird dann gelegentlich noch von ein paar westlichen Sozialtouristen gesäumt, die sich in der Vorstellung sonnen, hier dadurch als Wohltäter aufzutreten dass sie ein paar Dollars spenden und interessiert dem Geschehen zu lauschen. Das sind halt die - eigentlich auch zu erwartenden - Kehrseiten in einer Region, in der Hilfsleistungen zu einem Wirtschaftsfaktor geworden sind.
Da sind mir die zugegebenermaßen reichlich bürokratischen Projektantrage und Berichte wie ich sie bei meiner NGO erlebe schon lieber. Die haben mich zwar schon während der Unizeit laufend genervt, aber sie fördern wirklich so etwas wie Zielstrebigkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit - im Vergleich mit dem Geschehen hier wird einem das deutlich.
Und jetzt noch etwas Kulinarisches: Gestern habe ich meinen ersten gerösteten Käfer verspeist. Es stimmt, die Dinger schmecken tatsachlich wie Chips, Käsechips vielleicht, aber das ist natürlich nicht das Problem. Man muss schon gegen einen gewaltigen Brechreiz ankämpfen, bevor man die im Mund zerkauten Teile dann tatsachlich herunterschlucken kann. Jetzt gibt es noch geröstete Larven oder was das ist und gegrillte Schlangen. Hoffentlich kriege ich nicht wieder den Rappel, auch das noch probieren zu müssen...

15.02.2007
So langsam kehrt der Alltag hier ein und die Neuigkeitsintervalle verlängern sich naturgemäß. Bin z.Z. damit beschäftigt, einen internen Workshop zum Thema „Beratung“ für Freitag vorzubereiten, am Montag werde ich einen Workshop zur „Evaluation“ abhalten und am Sonntag in der Englischschule vermutlich einen Moderationstag durchführen.
Letzteres ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie sich manchmal der Blickwinkel mit der Perspektive verändert: In den 90er Jahren wurden organisationspsychologische Artikel gerne mit dem Argument eingeleitet (weiß nicht, ob das immer noch so ist), dass die zunehmende Komplexität der Arbeitswelt Kooperation und Teamwork notwendig machen würde, um zu guten Ideen, Problemlösungen etc. zu gelangen. Das ganze kann man allerdings auch in die andere Richtung lesen: Komplexität erfordert nicht nur Kooperation sondern ist in gewisser Hinsicht auch überhaupt erst eine Voraussetzung dafür. In Kambodscha eine Englischschule zu gründen ist recht einfach, vorausgesetzt man spricht englisch. Jeder der das tut ist seinen potentiellen Mitbewerbern also gerade mal einen Schritt voraus, keine gute Voraussetzung, diesen Mitbewerbern allzu viele Informationen preiszugeben. Anders etwa in einer modernen Bank. Wenn es z.B. um neue Produkte geht, ist der Entwicklungs- und Vertriebsweg derart kompliziert, dass ein Einzelner kaum ausscheren könnte, um eine Idee für sich zu verwerten.
Am Sonntag habe ich übrigens ein Krankenhaus hier besichtigt. Wirklich erstaunlich, mit wie wenig Geräten man ein Gebäude ausstatten und dann Krankenhaus nennen kann. Landminen und Polio spielen nach Aussagen der Ärzte übrigens keine zentrale Rolle mehr. Erstere wurden geräumt bzw. deren Felder sind markiert, für letzteres existiert mittlerweile eine halbwegs umfassende Impfung. Aber der Straßenverkehr scheint ein großes Problem zu sein.
Dieser ist allerdings auch wirklich mit nichts vergleichbar, was man aus Europa kennt. Ich will das mal so sagen: In Thailand fährt man links, in Vietnam rechts und irgendwie muss das die Kambodschaner ziemlich verwirrt haben. Theoretisch fährt man hier rechts aber praktisch eben dort wo gerade Platz ist. Hier über die Straße zu gehen - vor allen nachts bei den wenigen Laternen - ist wirklich abenteuerlich. Und auch wenn es relativ wenig Autos gibt, meist Mopeds, die auch in der Regel recht langsam fahren, das Chaos ist unberechenbar. Wenn dann etwas passiert, ist die medizinische Versorgung selbst für diejenigen, die Geld haben, reichlich dürftig. Reiseführer empfehlen in solchen Fällen schnellstens zu versuchen, nach Bangkok zu kommen. Da die meisten Leute aber kein Geld haben, versuchen sie es erst mal traditioneller Medizin, was aber nicht immer funktioniert. Wenn sich dann nach 1 oder 2 Wochen der Zustand immer noch nicht verbessert oder sogar verschlimmert, bleibt oft nur die Amputation von Gliedmaßen, und das sieht man häufig hier.
So, und ein Rätsel habe ich noch, das ich hoffentlich auch noch irgendwie lösen kann: Wenn man hier zum Geldwechsler auf der Straße geht, dann steht in irgendeinem Hauseingang eine Glasvitrine, die auf der einen, dem Kunden abgewandten Seite offen ist. Darin befinden sich für alle weithin sichtbar Banknotebündel im Wert von locker über tausend Dollar. In Frankfurt würde ich einer solchen Institution keine 5 Minuten geben, bis sie ausgeraubt ist. Hier scheint das aber niemanden zu interessieren, obwohl tausend Dollar wirklich viel Geld ist (vom Wert vielleicht vergleichbar mit 50tsd bei uns). Ich habe keinen blassen Schimmer, woran das nun wieder liegt, auf meine Frage hin hat die Geldwechslerin gestern Abend nur gelächelt (und wahrscheinlich kein Wort verstanden.)

23.02.2007
Für mich sind die letzten Tage hier angebrochen, schade eigentlich. Letzten Freitag hatten wir den internen Workshop, der sprachlich zwar nicht ganz einfach verlief aber mithilfe der Gestik dann doch recht verständlich und unterhaltsam wurde.
Samstag morgen war ich dann im Radio in einer Lifeshow (zum ersten mal). So was macht hier Spaß, Kambodschaner sind unglaublich kommunikativ, und man spielt sich gegenseitig die Bälle zu und lacht dabei. Mittags um 1 war ich dann anlässlich des chinesischen Neujahrsfests zum kambodschanischen Dinner eingeladen (so nennt man es hier wohl wenn man schon früh anfängt zu trinken), ebenfalls reichlich unterhaltsam.
Sonntag habe ich dann ein lokales Minenmuseum besucht, sehr interessant. Es gibt hier alle möglichen Minen, und die kleinsten sind etwa so groß wie 3 Teelichter übereinander gestapelt, sind ganz aus Plastik, wiegen 100 Gramm und reißen einem das Bein weg. Ihre Lebensdauer beträgt 50-100 Jahre und bei starkem Regen werden sie einfach weggespült und landen woanders wieder, weswegen trotz Identifizierung von Minenfeldern immer wieder Unfälle passieren.
Kurz zu der Geschichte des Museumsgründers: Nach Aussage einer seiner früheren Lehrerinnen vermutlich 1973 geboren, mit 5 wurden die Eltern von den Roten Khmer umgebracht und er von diesen aufgezogen, was neben der Arbeit vor allem Umgang mit Waffen, Raketenwerfern und Minen bedeutete. Mit 10 das erste eigene Gewehr, ein AK47 Sturmgewehr, das so groß war wie er selbst. Irgendwann wurde seinen Abteilung von den Vietnamesen einkassiert und er kämpfte fortan für die Vietnamesen. Als diese das Land verließen kämpfte er für die kambodschanische Armee und als 1992 die UN Truppen kamen, half er bei der Beseitigung von Minen, die er zum Teil selbst vorher gelegt hatte. Irgendwann begann er, die gefundene Waffen in einem Museum aufzubewahren und gegen Geld zu zeigen. Ein ehemaliger kambodschanischer Offizier kam dann auf die gleiche Idee, woraufhin ihm die Erlaubnis entzogen wurde mit der Begründung, die Waffen seinen zu gefährlich (sind natürlich alle entschärft). Der Offizier machte daraufhin sein eigenes Museum auf (gibt es immer noch), und unser Minensucher hat nunmehr eine Ausstellung ohne Eintrittsgelder, die von Spenden lebt. Kein ungewöhnlicher Lebenslauf in diesem Land.
Dann hatten wir noch einige Sitzungen zum Projektbericht, Mittwoch war ich bei Prof. L. von der FH Köln zum Abendessen eingeladen, der Restaurierungen am Angkor Wat durchführt, und gestern war die Projektkoordinatorin aus Phnom Penh da.
Morgen oder übermorgen werde ich nach Thailand fahren. Eigentlich wollte ich ja ein wenig in Kambodscha am Meer Urlaub machen, aber ich habe eine Einladung, eine Schule in einem kleinen Dorf im Nordosten Thailands zu besuchen in der Nähe der Stadt Sisaket. Das dürfte interessant werden. Soweit ich weiß gibt es dort nur Holzhäuser wie in den Dörfern hier, Wasser zum Waschen ist wohl vorhanden aber alles andere ist mir reichlich unklar. Da sich aber vermutlich so eine Chance nicht so leicht noch mal bietet, werde ich für ein paar Tage dorthin fahren. Dann noch für ein paar Tage nach Bangkok, vielleicht noch für ein oder zwei Tage ans Meer und dann geht es ja auch schon wieder zurück.
Kambodscha zu verlassen fällt mir gar nicht leicht. Eines muss man wirklich sagen: Hier tanzt der Bär. Das mag jetzt etwas verrückt klingen und ist natürlich auch nur eine sehr persönliche Momentaufnahme, aber man gewinnt sehr schnell das Gefühl, hier spielt sich Weltgeschehen ab: Eiserne Korruption, bedingungslose Ausbeutung von Menschen und Ressourcen mit Prostitution und Menschenhandel haben gewaltigen Einfluss auf diese Region und werden wohl wieder mal die Welt verändern. Ich fühle mich an die Kolonialzeit des 19 Jahrhunderts erinnert, und ich beginne zu verstehen, wie ein paar tausend Europäer ganze Länder unter Kontrolle halten konnten: Sie mussten nur die korrupte Oberschicht kontrollieren, den Rest übernahm diese. Hier werden z.B. Konzessionen vergeben für Fischerei und Abholzung und diese werde dann an ausländische Firmen meist aus China, Taiwan und Korea verkauft. Menschen werden einfach aus ihren Behausungen vertrieben mit der Begründung, die Eigentumsrechte seien unklar und das Land wird dann an Investoren vergeben. In Phnom Penh entsteht offenbar gerade eine Art Freihandelszone in der allerdings Fabriken entstehen sollen. Die Arbeiterechte, die in Kambodscha zumindest existieren, werden dort völlig außer Kraft gesetzt. Die wohl trefflichste Bezeichnung hierfür dürfte Sklavenarbeit sein. Dahinter stehen Chinesische Firmen, die damit nicht nur billigst produzieren, sondern gleichzeitig EU Importbeschränkungen umgehen, die Waren kommen ja nun aus Kambodscha. Und innerhalb des Landes stecken hinter all dem Politiker, für die ausschließlich das Eigenwohl und die persönliche Bereicherung zählt.
Ich muss gleichzeitig an Donald Raumsfeld denken, der vom alten Europa sprach. Irgendwie hatte der Mann gar nicht so unrecht (wobei die USA allerdings auch dazu zählen). Demokratisch genannte Freiheitswerte und -rechte scheinen für ein kleines Häuflein Europäer zwar eine Rolle zu spielen aber insgesamt auf dieser Welt ein ziemlich exotisches Dasein zu führen. Und wie bei Asterix und Obelix ist unser kleines Dorf von einer gewaltigen Übermacht umzingelt und unser Zaubertrank in Form von kleinen grünen Dollarnoten wird immer unwirksamer, weil ihn die anderen mittlerweile selbst brauen können.
Man merkt sicher, das die Zeit hier in vielerlei Hinsicht sehr bewegend war und ist. Trotzdem muss ich jetzt Schluss machen.

28.02.2007
Bin jetzt wieder in Thailand und wohne z.Z. in einem Gästehaus einer Grundschule (6 Klassen, 6-13 Jahre alt) in der nähe der Stadt Khun Han (10000 Einwohner).
Ich muss sagen, ich bin sehr überrascht über Thailand. Ich dachte eigentlich, dass das Land abgesehen von den hochgerüsteten Touristengegenden eher zurückgeblieben ist, aber das Gegenteil scheint mir der Fall zu sein. Nach einer Fahrt von Siem Reap nach O‘Smach am Grenzübergang nach Thailand (240 km Feldweg) fand ich mich auf thailändischer Seite plötzlich auf sehr gut ausgebauten Straßen und einer ziemlich guten Infrastruktur wieder. Ich habe fast den Eindruck, der Rest Thailands ist besser ausgebaut als die Touristenzentren. Man könnte hier wohl auch ziemlich problemlos eine Fahrradtour quer durchs Land machen.
Auch die Schule, an der ich bin, ist in einem verblüffend guten Zustand und nach übereinstimmender Meinung dabei sogar noch eher etwas unter dem Landesdurchschnitt. Es handelt sich um eine Grundschule mit 240 Schülern und ich bin z.Z. so was wie der Special Guest hier.
Ich will mal ein wenig beschreiben: Die Schule besteht aus drei Gebäudekomplexen, die rechtwinklig zueinander in Hufeisenform um einen großen zentralen Sportplatz angelegt sind. Morgens zwischen 7 und 8 Uhr tauchen die Schüler in ihren Schuluniformen auf und unterhalten sich oder reinigen den Platz und die darum führenden Wege (und zwar freiwillig - also nicht nur, dass hier niemand Graffitis an die Wände schmiert, man würde sie sogar noch wegmachen, wenn sie da wären). Um 8.30 Uhr tritt dann die Schülerschaft auf dem zentralen Platz geordnet an und die Morgenzeremonie beginnt: Fahne hissen, Reden halten, an Schluss sagt der Schulleiter ein paar Sätze und dann gehen alle geordnet in die Klassenzimmer. Heute morgen hatte ich das Vergnügen nach dem Schulleiter noch meine erste Rede auf Thai zu halten (3 kurze Sätze, 2 Stunden lang geübt.). Auch ansonsten ist das soziale Klima hier sehr angenehm. Die Lehrer besitzen zwar eine sehr große Autorität, diese scheint mir allerdings eher von einer elterlich persönlichen Natur und weniger formal rollenbedingt zu sein. D.h., die Lehrer können praktisch alles bestimmen, sie kümmern sich aber auch sehr persönlich um die Schüler. Mittags wird für alle gekocht, wozu jeder Schüler neben seinem gekochten Reis noch einige Zutaten mitbringt, die dann in eine Suppe gegeben werden, die für alle gekocht wird.
Auch sonst ist es sehr gemütlich hier, ruhig vor allen Dingen. Ich gehe manchmal durch die Felder (Reisfelder, z.Z. allerdings trocken), die in Becken angelegt sind und von Bäumen und Palmen gesäumt werden. Dazwischen laufen Kühe und Wasserbüffel herum, in den Dörfern dann noch Hunde, Hühner, Katzen etc. Und morgens so ab 5 Uhr ist an Schlaf nicht mehr zu denken, weil dann die Hähne um die Wette krähen. Aber wie gesagt, insgesamt trotzdem sehr ruhig.
Am Donnerstag fahre ich mit dem Nachtbus dann nach Bangkok; auf die Hektik dort habe ich allerdings nicht die geringste Lust. Aber ich wollte noch ein paar Besorgungen machen und vielleicht noch 2 Tage ans Meer - mal sehen.

07.03.2007
Tja, wie es der Zufall manchmal so will ... die letzte Mail schreibe ich auf dem selben Rechner, auf dem ich die erste Mail geschrieben habe. Man erkennt: Ich bin wieder auf Koh Chang gelandet. Bangkok habe ich gerade mal eben 30 Stunden ausgehalten, dann war mir der Trubel zu viel. In der Hoffnung auf etwas mehr Ruhe bin ich dann nach Pattaya gefahren, aber das war auch keine besonders gute Idee. Dann ging’s eben weiter nach Koh Chang.
Ich weiß gar nicht woran das liegt: Bin ich zu sehr auf Ruhe eingestellt, oder ist es die Hochsaison hier (ich war noch nie während der Hochsaison in Thailand), jedenfalls herrscht hier ein ziemlicher Tourismustrubel. Vielleicht auch schon wieder beruhigend: Selbst die legendäre thailändische Freundlichkeit leidet schwerst unter dem geschäftigen Treiben. Ich finde, für das viele Geld hat man auch ein Recht auf die Illusion, es ginge nicht nur um Geld. Aber genau das Gegenteil scheint wahr zu sein. Als sich mir dann das Bild von den Morlocks und den Eloy bei H.G. Wells aufdrängte, verbunden mit der Aussichtslosigkeit feststellen zu können, welcher der beiden Touristen eigentlich zuzurechnen sind, bin ich schließlich geflüchtet. Morgen geht es wieder nach Bangkok zurück und am Freitag nach Frankfurt, wo ich am Freitag Abend dann eintreffen werde (bin ehrlich gesagt überhaupt nicht darauf erpicht, Freitag Abend alleine in kaltem trüben Wetter in meiner mehrwöchig ungeheizten Wohnung zu verbringen).
Eine Kuriosität möchte ich noch gerne nachreichen betreffs der Kaltschnäuzigkeit, die manchmal auf dieser Welt zu finden ist. Es geht um Kambodscha und um Korruption. Ich habe einige Zahlen auf dem Jahr 1998. Der Staatsetat betrug damals ca. 420 Mio. Dollar. Hiervon wurden z.B. 6 Prozent in das Ressort „Bildung“ veranschlagt, 29 Prozent in die „Verteidigung und Innere Sicherheit“. Der größte Posten mit 41 Prozent war für „nicht näher zu bezeichnende Ausgaben“ vorgesehen - eine geradezu frivole Einladung zur Selbstbedienung. Dieser Haushaltsentwurf passierte ohne Gegenstimme das Parlament. Ich hatte ja schon in Zusammenhang mit der Visa-Erteilung berichtet, dass nur ein Teil der Gelder, die eigentlich dem Staat zustehen, wirklich an den Staat gehen, der größte Teil wird vorher abgegriffen. Wenn man dies berücksichtigt darf man wohl ruhig davon ausgehen, dass in Kambodscha weniger als 10 Prozent der Gelder, die der Öffentlichkeit eigentlich zustehen, diese tatsächlich erreicht. Dabei ist noch nicht mal berücksichtigt, dass z.B. die Eintrittsgelder für Angkor (wichtigstes touristisches Reiseziel - 20 Dollar pro Tag!) einer „privaten Verwertungsgesellschaft“ zukommen, an die die Rechte vor einiger Zeit „verkauft“ wurden. Restaurierungsarbeiten werden hingegen von internationalen Hilfsorganisationen durchgeführt (warum mit internationalen Hilfsgeldfern private Verwertungsgesellschaften subventioniert werden ist mir selbst schleierhaft, aber ich will mal annehmen, das entscheiden Leute, die klüger sind als ich es bin).
So jetzt werde ich mich noch einmal unkritisch auf die Terrasse am Meer setzen und ein wenig frühstücken.

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